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Einsicht

31.07.08 (Kurzgeschichten)

Am letzten Montag war ich mit dem Auto auf der Landstraße nach Possen unterwegs. Ich kenne diese Strecke in – und auswendig. Zweimal im Monat fahre ich hier entlang, um meine Mutter zu besuchen. Hier passiert glücklicherweise nie etwas. Das Aufregendste auf diesem Weg ist der Wechsel der Jahreszeiten.

Plötzlich wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. In einiger Entfernung stand ein rotes Auto im Straßengraben.
Mir wurde mulmig. Was sollte das bedeuten? War dort jemand in den Straßengraben gefahren? Musste ich helfen?

Vor so einem Moment hatte ich mich immer gefürchtet. Blitzartig schossen mir mögliche Rettungsaktionen durch den Kopf. Aber ich bekam kein System in meine Erinnerung. Mein Puls raste, und ich hatte Not, meine Atmung unter Kontrolle zu halten.

Jetzt war ich unmittelbar am Unfallort. Mechanisch bremste ich, nahm den Gang heraus, stellte die Zündung ab und zog die Handbremse. Ich öffnete die Tür und stieg aus. Meine Knie schlotterten – aber dort war jemand, der dringend meine Hilfe brauchte. Dieser Gedanke trieb mich voran.

Angespannt bis in die letzte Muskelfaser, musterte ich das Auto. Niemand war zu sehen. Erleichterung schlich sich ein. Da war aber die offene Beifahrertür und die halb herunter gelassene Scheibe auf der Fahrerseite… Da musste doch jemand sein!

Völlig unerwartet tauchte ein riesiger schwarzer Hund auf, der am Vorderrad des Autos schnupperte. Vielleicht der Hund des verunglückten Fahrers? Mir blieb fast das Herz stehen, und sicher war ich totenbleich. Ich habe Angst vor Hunden, besonders wenn sie so groß sind wie dieser. Meine Füße glichen zentnerschweren Betonklötzen. Keinen Zentimeter konnte ich mich bewegen. In meinem Kopf hatten sich Bienen eingenistet und verursachten einen Höllenlärm.
Der Hund beachtete mich nicht, was mich aber nicht beruhigte. Trotz allem, ich musste handeln!

Also blickte ich mit langem Hals in das Wageninnere. Die Vordersitze waren zerfetzt, und auf dem Rücksitz lagen eine leere Bierdose und eine zerknüllte Zigarettenschachtel.
So unerwartet der Hund aufgetaucht war, verschwand er in den Büschen. Einen Moment später sah ich ihn über den Acker davon flitzen. Ich konnte aufatmen.

Mit weit aufgerissenen Augen schlich ich um das Auto. Mein Blick blieb an der Vorderfront hängen. Komisch. Hier war wohl etwas nicht in Ordnung? Das Nummernschild fehlte, stellte ich nach längerem Hinsehen fest. Ich stiefelte durch das hohe Gras zum Heck und musste feststellten, dass auch hier kein Nummernschild war.

Ungeheuerlich – hier hatte jemand sein altes Auto entsorgt. Billig noch dazu. Als ich bei meiner Mutter eintraf, meldete ich das abgestellte Auto der Polizei. Die versprach mir, sich der Sache anzunehmen. Schließlich darf man soetwas nicht durchgehen lassen.

Glücklicherweise hatte sich dieses Auto „nur” als Wrack entpuppt. Was hätte ich nur getan, wenn man mich nach einem Unfall gebraucht hätte? Das hätte eine Katastrophe geben können.
Ich denke über einen Auffrischungskurs in Erster Hilfe nach.