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Wie man sich täuschen kann! (Folge 1)

29.05.08 (Kurzgeschichten)

Es war nicht zu übersehen. Marie Brandt war klein und pummelig. Ihre fünfundzwanzig Lenze versteckte sie hinter einem blassen Gesicht mit wasserblauen Kinderaugen. Sie tat einen Job, den sie besser nicht tun sollte. Nicht mal reich konnte man damit werden, aber letztendlich hatte sie ihn gewollt.
Ihr Vater, lebte er noch, hätte seinen ergrauten Kopf geschüttelt und gesagt: „Mädele, du übernimmst dich. Kein Privatdetektiv sieht aus wie du. Jeder miese Ladendieb würde sich kranklachen. Du kannst dich auf deinen zugegeben klugen Kopf stellen, aber das ist ein Job für knallharte Männer.”
„Blödsinn, Papa, es geht auch anders”, hätte sie ihm geantwortet, und davon war sie überzeugt. Schließlich hatte sie sich nicht umsonst jahrelang an der Universität mit Kriminalistik rumgeplagt.
Dass sie allerdings jemals den Job ihres Vaters übernehmen würde, war nicht geplant. Aber wie vieles im Leben, kam auch das anders.
Bei einer rasanten Verfolgungsjagd durchbrach das Auto ihres Vaters die Leitplanken und stürzte in einen Abgrund. Jede Hilfe kam zu spät. Wie sich herausstellte, war sein Auto manipuliert. Sie hatte ihren Vater sehr geliebt, und die Entscheidung, sein Lebenswerk weiterzuführen, schien ihr selbstverständlich.

Seit Stunden hockte Marie grübelnd auf dem durchgesessenen Sofa im Büro ihres Vaters und kraulte ihrem Collie Prometheus den Kopf. Die matte Funzel auf dem Schreibtisch trug nicht dazu bei, ihre Stimmung aufzubessern.
Sie plagte sich mit einem schier unüberwindlichen Problem: Ihrer Detektei fehlten die Aufträge.
Vielleicht sollte sie ihr Büro aus dieser schmuddeligen Gegend in das noble Villenviertel verlegen? Aber dazu brauchte sie Geld. Geld brachten ihr nur die Klienten, und die kamen nicht, weil sie ihr Büro möglicherweise in der falschen Gegend hatte. Sie konnte ihre Gedanken hin und her schieben wie sie wollte, zum Schluss bis sich die Katze immer in den Schwanz.
Verirrte sich doch mal einer zu ihr, verließ der fast immer eilig ihr Büro, wenn er feststellte, dass sie nicht die Sekretärin, sondern die Chefin war. Sie verstand die Welt nicht mehr. Niemand traute ihr was zu. Dabei hatte sie den Abschluss an der Uni als Beste ihres Jahrganges gemacht. Nur, das stand nicht auf dem Schild an ihrer Tür.

Es war 22 Uhr. Die Klänge der nahen Kirchturmuhr verhallten leise. Plötzlich entzog sich Prometheus ihren Zärtlichkeiten. Er lauschte. Glücklicherweise hatte er gelernt, nicht sofort bei jedem Geräusch zu bellen. Jetzt vernahm Marie deutliche Schritte. Ein Klient? Wohl kaum. Sie schüttelte mit dem Kopf. Vielleicht der Pizzaservice? Quatsch, den hatte sie nicht bestellt, und der beschäftigte keine leichtgewichtigen Damen mit hohen Absätzen.
Unerwartet hämmerte es an der Tür. Prometheus zog warnend die Lefzen hoch und entblößte gefährliche Zähne.
Marie räusperte sich und rief: „Herein.” Die Tür öffnete sich einen Spalt.
„Kommen Sie rein. Prometheus beißt nicht.” Marie zog ihre Füße vom Tisch und erhob sich.
Eine zierliche Frau, Mitte vierzig, betrat das düstere Büro der Detektivin. Das blonde Haar war sorgfältig frisiert und ihr Make-up verriet eine geübte Hand. Sie trug einen weißen Seidenmantel, unter dem ein nachtblaues Samtkleid hervorblitzte. Schweres Parfüm breitete sich aus.
Der Anblick dieser Frau ließ Maries Herz schneller schlagen. Wer so aussah, hatte Geld in der Tasche. Wie sehr sie sich täuschte, konnte sie nicht ahnen. Fortsetzung folgt.