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Emanzipiert

25.05.08 (Kurzgeschichten)

Ich war 21, lebte in einer komfortablen Wohnung mit allem Schnickschnack, verdiente in einer kleinen Firma gutes Geld und war mit meinem Leben sehr zu frieden. Mein Aussehen ist das einer typischen Durchschnittsfrau ohne Traummaße, wenn Sie verstehen, was ich meine. Ich war solo und mit diesem Zustand einverstanden.

Eines Abends hockte ich mit einem Glas Rotwein auf meiner Couch. Weder Fernseher noch Stereoanlage waren in Betrieb. Es war ungewöhnlich still in meiner Wohnung. Selbst meine Katze schlief und gab keinen Ton von sich.

Ich öffnete mir eine Tüte Kartoffelchips und knabberte. Haben Sie schon mal bewusst auf das Knacken der Kartoffelchips zwischen Ihren Zähnen geachtet? Nein? Sie sollten es tun! Ich jedenfalls erschrak. Jeder Biss donnerte und hallte in meinem Kopf. Alle Gedanken hatten sich verflüchtigt. Mein Kopf war leer. Aber wieso? Das konnte nur an den Chips liegen. Schließlich führte ich ein ausgefülltes Leben! Aber mein Unterbewusstsein war anderer Meinung. Ich legte die Chips zur Seite, nahm einen Schluck Rotwein und gab ihm Gelegenheit, sich zu Wort zu melden. Ich hörte ihm zu. Es formierten sich Gedanken wie: Freund, Ehemann, Kinderlachen und Hund. Unglaublich!
Erschrocken wischte ich mir über die Stirn.

Ich knipste blitzschnell den Fernseher ein. Scheidung und Rache, na bitte! Der Film führte vor Augen, wohin solche Gedanken führen, sagte ich mir. Ich konzentrierte mich verbissen, konnte aber keine rechte Befriedigung bei dieser Belehrung empfinden.

An den folgenden Abenden kehrte die Vision unaufgefordert und eindringlich wieder.

Eines Tages beschloss ich, einen Mann zu suchen. Natürlich wollte ich nur einen gut aussehenden, intelligenten, toleranten, treuen, zärtlichen, verständnisvollen, kinderlieben, sportlichen, dunkelhaarigen Supertypen.

Als ich am Wochenende darauf meine Eltern besuchte, erzählte ich ihnen von meinem Entschluss, und sie waren begeistert. Ja, sie waren begeistert bis zu dem Zeitpunkt, als ich ihnen meine Vorstellung von dem gut aussehenden, intelligenten – Sie wissen schon – Supertypen erzählte.

Meiner Mutter blieben die Bratkartoffeln im Halse stecken, und mein Vater wühlte nachdenklich in seinem lichten Haar. Sie schienen nicht glücklich.
Dabei hatte ich gedacht, sie würden sich riesig freuen. Schließlich wollte sie einen Schwiegersohn und Enkelkinder. Das wusste ich seit langem.
Jetzt hustete sie nur, und er schwieg. Was war nur falsch daran, dass ich einen Mann wollte? Sicher kam es den beiden zu plötzlich.

Nachdenklich schlürfte ich meinen Tee. Meine Mutter hatte sich vom Hustenanfall erholt und kratzte den Rest der Bratkartoffeln vom Teller. Interessiert beobachtete ich ihre Technik, mit der Gabel auch den letzten, widerspenstigen Krümel zu erhaschen.

„Mädchen”, begann sie. Ihre Stimme hatte den gleichen, eigenartigen Unterton wie früher, wenn sie mich belehrte, dass ich in der Schule für mich und nicht für den Lehrer lerne.
„Mädchen, ich denke, du hast nur eine Chance solch einen Mann zu finden. Du musst zum Bäcker gehen und ihn in Auftrag geben.”
Wie bitte sollte ich das verstehen?
„Mutti, glaubst du, solche Männer gibt es nicht?” Mit einem Blick auf meinen Vater sagte ich: „Hast du Vati auch backen lassen?”
„Wie kommst du darauf?” Sie lachte.
„Er ist der perfekte Ehemann, nur etwas rundlich, leicht unsportlich mit schütterem Haar, aber sonst?”
„Kind, du weißt zu wenig vom Leben.” Sie schüttelte lange ihren grauen Kopf.
„Mutti du irrst dich. Ich bin nur emanzipiert und suche mir den Mann aus, der mir gefällt. Ich will ihn heiraten. Nicht er soll mich heiraten. Verstehst du, was ich will?”
„Ich verstehe, was du meinst und wünsche dir viel Glück”, flüsterte sie. „Wenn du ihn gefunden hast, wirst du ihn uns sicher vorstellen.”
Ich fand ihn, und ich stellte ihn meinen Eltern vor. Ich weiß bis heute nicht, ob ihre Begeisterung echt war. Jedenfalls heiratete ich ihn ein halbes Jahr später.

Jetzt bin ich 22, sitze in meiner komfortablen Wohnung, trinke Rotwein und knabbere Kartoffelchips – allein.