Logo
  • Suche

Begegnung Folge 2-Schluss

16.06.08 (Kurzgeschichten)

War vorher geschah

… sich aufreihen wie Perlen auf eine Schnur. Eine allein bedeutet nichts. Alle zusammen ergeben ein Ganzes. War ein Leben nur die Folge von Ereignissen? Ohne Spuren?
Würde sein Leben eine Spur hinterlassen? Es tröpfelte dahin, wie ein undichter Wasserhahn. Aber tropfende Wasserhähne hinterlassen Kalkspuren. Und er? Er hatte nicht einmal Kinder.
Sabine hatte eine Tochter, und wenn er ihr glaubte – und er glaubte ihr – eine prachtvolle.

Als ihm Sabine heute Vormittag auf dem Markt nach vielen Jahren unerwartet auf die Schulter tippte, hatte ihn fast der Schlag getroffen.
„Hallo Volkmar”, begrüßte sie ihn. Ihre Augen sprühten vor Lebensfreude. Ihr Lachen war unverkennbar.
„Sabine? Wo kommst du her? Was machst du hier?” Er erschrak vor seiner spröden, unsicheren Stimme.
„Ich bin auf der Suche nach einer neuen, kleinen Wohnung. Nach meiner Scheidung…”
„Deine Scheidung, wieso Scheidung?” Starr wie ein Felsblock stand er ihr gegenüber. Ungläubig blickte er sie an. Sabine bemerkte seine Verwirrung.
„Ja, ich bin frisch geschieden und habe meine Not, alles in geordnete Bahnen zu lenken”, erklärte sie mit ernstem Gesicht.
„Ich wußte nicht, daß du verheiratet bist. Entschuldige – warst.”
Sie zuckte mit den Schultern. „Nein, woher auch. Du hast dich seit damals nicht um mich gekümmert. Es wäre besser gewesen, du hättest es getan.”
Er schloß für einen kurzen Moment die Augen. Oh, ihre Sturheit hatte sie nicht abgelegt.
„Komm Volkmar, laß uns dort in das Café gehen.” Sie zeigte auf die gegenüberliegende Straßenseite. „Du hast doch Zeit, oder?” Er hatte. Für Sabine hatte er Zeit.

Immer wieder verglich er diese reife attraktive Frau mit dem jungen Mädchen von damals. Nur jetzt hatte sie eine häßliche Ehe hinter sich, wie er gerade erfahren hatte.
Ihre spitze Nase, die schmalen Lippen und ihre blauen Augen hatten die Jahre unbeschadet überstanden. Auch ihr ungeheuer zarter Duft war geblieben. Nur in ihr kastanienbraunes Haar hatten sich ein paar Silberstreifen eingemogelt.

Von Stunde zu Stunde wurde ihm bewußter, daß er sie genauso liebte wie vor 20 Jahren. Wäre nur nicht dieser Streit gewesen, dann wäre heute alles anders.
Sie hatte ihm vorgeschlagen zu heiraten. Er fühlte sich übergangen und tief in seinem männlichen Stolz verletzt. Sie war beleidigt und reiste kurz entschlossen zu ihrer Mutter. Sein Stolz ließ es nicht zu, ihr nachzufahren. Sie wird kommen, dachte er. Aber auch sie war stolz. Sie kam nicht.

Sollte er ihr heute nachreisen? Nein! Heute war alles anders. Es war einfach zu spät.
Festen Schrittes verließ er den Bahnhof. Kalter Nieselregen schlug ihm entgegen, und frisch gefallenes Laub klebte auf der Straße. Geblendet von den Scheinwerfern eines vorbeihuschenden Autos, hielt er die Hand vor die Augen. Aus dem Kiosk nebenan kroch der Gestank von altem Fett.

Unvermittelt blieb er stehen. Zu spät, zu spät, zu spät- hämmerte es in seinem Kopf. Warum eigentlich? Er rang nach Fassung, atmete tief durch und überquerte die Straße. Dann verschluckte ihn die Nacht.  Schluss