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Freundinnen

14.05.08 (Kurzgeschichten)

„He, Gabi, wie geht es dir?” Aufgeregt fuchtelte jemand auf der anderen Straßenseite mit den Armen. Meine Freundin Gitti hatte mich entdeckt und brüllte gegen den Großstadtverkehr an.
Musste sie mir gerade heute begegnen? Gitti ließ sich nie abschütteln. Ich war nicht in Stimmung, ihren Redeschwall auf mich nieder prasseln zu lassen. Eine Sommergrippe traktierte mich, und ich war stockheiser.
Aber unserer langen Freundschaft zu liebe, konnte ich nicht so tun, als habe ich sie nicht bemerkt.

Unwillig tippelte ich zur Ampel. Gitti hatte nichts anderes erwartet. Sie blieb am Überweg stehen und stapelte ihre Einkaufstüten. Manchmal habe ich den Verdacht, sie schleppt das Zeug von zu Hause mit, um Männern Gelegenheit zu bieten, ihr zu helfen. Trotz ihrer tadellosen Figur und ihres filmreifen Lächelns, fand sie kein dauerhaftes Glück.

Die Ampel war rot. Eine Glocke stinkender Abgase hing über der Straße, die in der unerträglichen Hitze flimmerte.
Am liebsten hätte ich mich in meiner kühlen Hinterhauswohnung verkrochen und die Flügel hängen lassen. Aber das konnte ich vorläufig vergessen.

Als die Ampel auf Grün sprang, begab ich mich unter die Fittiche meiner Freundin. Sie fiel mir stürmisch in die Arme und ihre Einkaufspakete um.
„He Gabi, wo hast du dich verkrochen? Habe dich ewig nicht gesehen. Bist gesund und munter, wie ich sehe.”
Wo hatte sie nur ihre Augen! Ich klappte kurz mit dem Unterkiefer, um zu antworten. Keine Chance.
„Trinken wir einen Eistee? Und ich habe Appetit auf ein Stück Cremetorte.”
Sie hakte sich ein und schob mich vorwärts. Ihre Einkaufstüten schlenkerten zwischen uns.
Wieder wollte ich protestieren. Eistee mit Cremetorte, was für eine Mischung, und das bei diesem Wetter. Aber ihr Redefluss war ungebrochen.
„Ich bin seit gestern aus dem Urlaub zurück. Hattest du schon Urlaub? Sicher. Du siehst erholt aus.”
Oh, wenn du wüsstest, wie mies ich mich fühle, und Urlaub hatte ich auch noch nicht. Aber leider schaffte ich nicht, ihr das zu verraten.

„Bin toll braun geworden, was?” Kokett drehte sie sich im Kreis. „Aber das hast du sicher gleich erkannt.” Ohne Luft zu holen fuhr sie fort: „Mir ist vielleicht was passiert. Heute Morgen wollte ich Jochen anrufen.” Sie setzte ihre Einkaufstüten ab, und ich nahm die Gelegenheit wahr zu krächzen: „Wer ist Jochen?” Ruckartig drehte sie den Kopf und blickte mich mit aufgerissenen Augen an.
„Was, habe ich dir nicht von ihm erzählt? Ein toller Typ. Kurz vor dem Urlaub habe ich ihn in der Oper kennen gelernt. Er ist dort Flötist. Du, der kann die Flöte spielen, kann ich dir sagen.”
Sie nickte wild mit dem Kopf. Ihr schwarzer Zopf wippte.
Vielleicht bringt er dir die Flötentöne bei, dachte ich gemeinerweise.

„Aber”, Gitti winkte ab, „ich wollte dir erzählen, was mir passiert ist. Die Post hat meinen Telefonanschluß gesperrt. Ich nahm heute Morgen den Hörer ab und …“ Fragend blickte sie mich an. Ich holte tief Luft und wollte sagen: „Kein Zeichen drin.” Dazu kam es nicht. Sie vollendete, ehe ich mich besonnen hatte: „Kein Zeichen. Es war ein Versehen, sagte man mir. Stell dir vor, ich hätte einen Notarzt gebraucht!” Ja, wegen Stimmbandüberlastung, schoss es mir durch den Kopf.

Inzwischen hatten wir das Café erreicht.
Der Kellner servierte uns Eistee, und Gitti verschlang ein Riesenstück Buttercremetorte. Brrr…
Ich rührte in meinem Tee und lauschte Gitti. Meine Stimmbänder konnte ich schonen, nur meine Nerven lagen bloß.
Gewöhnlich ging Gitti erst nach Stunden der Gesprächsstoff aus. Das kannte ich. Aber dann war sie die wunderbarste Zuhörerin. Solange konnte ich heute nicht warten. In meinem Schädel hatten sich Bienen eingenistet und verursachten einen Höllenlärm.

Genau drei Worte hatte ich zum Gespräch beigetragen, als ein gut aussehender Herr über Gittis Einkaufstüten stolperte. Er musterte Gitti ungeniert und entschuldigte sich wortreich. Auffällig nervös sortierte sie ihre Tüten.

Grübelnd legte ich den Kopf zur Seite. Ich kannte Gitti. Sie war nie nervös.
Mit einem Blick auf den Mann dachte ich: Junge, du hast die Chance deines Lebens. Nutze sie! Ich verschwinde. Gitti ist eine tolle Frau, wenn man sie ausreden lässt. Aber fasse dich in Geduld!