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Begegnung Folge 1

13.06.08 (Kurzgeschichten)

Endlich konnte sich Volkmar entschließen, die schmutzige Treppe zum Fußgängertunnel hinabzusteigen. Der Gestank der Bahnhofstoilette biss in seiner Nase. Sein Weg nach unten schien endlos. Niemand begegnete ihm. Langsam, mit gesenktem Kopf, nahm er sorgfältig Stufe für Stufe. Die Beleuchtung war miserabel.

Er war zum Umfallen müde. Mühsam versuchte er die wirren Gedanken zu sortieren, die in seinem Kopf tanzten. Er fühlte sich zerknittert, und hätte er in den Spiegel gesehen, wäre er erschreckt zurückgewichen.

Sabine – eine Frau, die er bis in die Haarspitzen liebte, war auf dem Weg zu ihrer Tochter, die nicht seine war. Sie hatte mit ihrem Auftauchen sein Leben kräftig durchgeschüttelt. Die Folgen waren nicht absehbar.

Seine Ehe war nicht unglücklich, nein. Es war eine Ehe wie es viele gab. Sein Leben mit Carola verlief friedlich und spannungslos. Kinder wollte sie nicht. Das hatte er hingenommen, und doch ertappte er sich bei scheuen Blicken in fremde Kinderwagen. Mit den Jahren keimte der Wunsch nach einem Kind. Inzwischen hatte er sich damit abgefunden, daß es für Carola und ihn zu spät war.

Die tanzenden Schmetterlinge im Bauch, die fehlten in ihrer Ehe. Die fehlten schon immer. Eisige Kälte kroch in ihm hoch. Er blieb stehen, um seinen Schal fester zu ziehen. Nutzlos. Die Kälte blieb.

Gedankenverloren beobachtete er einen klapprigen Schäferhund, der einen Papierkorb nach etwas Fressbarem durchwühlte. Armer Kerl, dachte er.

Was sollte er bloß tun? Verzweifelt warf er den Kopf zurück und betrachtete die häßliche Decke des Tunnels. Hier auf den ersten Zug warten und Sabine nachreisen? Ein törichter Gedanke! Er konnte doch nicht alles im Stich lassen!
Schließlich hatte er eine Arbeit, eine gemütliche Wohnung, und – er hatte eine Frau; sanft, anschmiegsam und fürsorglich. Erst heute hatte er erkannt, daß sie nicht die Liebe seines Lebens war. Er hatte vorher nie darüber nachgedacht. Warum auch? Es war alles in Ordnung. Ebensowenig hatte er sich Gedanken darüber gemacht, was er für sie war. Was wäre, wenn es ihr genauso ginge?

Seine Empfindungen für Sabine hatte er all die Jahre verdrängt. Heute schossen sie ans Licht wie die Fontäne eines Springbrunnens. Ihm wurde bewußt, sie saßen so tief, daß es weh tat, aber zugleich verursachten sie ein starkes Glücksgefühl. Unvereinbar wie Feuer und Wasser. Und doch fühlte er sich wohl, wenn er an Sabine dachte.

Die Ereignisse in seinem Leben ließen… Fortsetzung folgt