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Ohne Worte (Folge 5-Schluss)

06.05.08 (Kurzgeschichten)

Was vorher geschah

In Bruchteilen einer Sekunde war ihm das alles durch den Kopf geschossen. Im selben Moment bemerkte er, dass es ihm nicht möglich war aufzustehen. Sein Körper schien mit Blei gefüllt und ließ sich keinen Zentimeter bewegen.

Unvermittelt brach die Sonne herein und fiel gleißend auf das Moos, das viel grüner war als gewöhnlich. Der Waldboden dampfte, und es duftete nach Pilzen.

Die Stimmen, vor denen er sich gefürchtet hatte, waren kaum noch zu vernehmen. Nur das laute Pochen eines Spechtes hallte durch den Wald, und irgendwo in den hohen Wipfeln schimpfte eine Meise.

Und da hockte Amalie. Sie hatte sich nicht von der Stelle bewegt. Nur wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt, starrte sie ihn an. Er konnte ihrem Blick nicht auszuweichen. Jonathan beschlich ein eigenartiges Gefühl. Angst? Angst vor einer Spinne? Angst vor Amalie? Lächerlich! Er, der Spinnenspezialist, sollte Angst haben? Niemals! Je mehr er gegen dieses Gefühl kämpfte, je mehr er die Angst als belanglos abtat, desto hartnäckiger beherrschte sie ihn. Unerklärlich – diese Angst, aber sie hatte ihn voll im Griff.

Jonathan spannte seine Muskeln, wollte sich aufstützen. Die Arme gehorchten ihm nicht. Nur knapp fünf Zentimeter hatte sich sein Oberkörper gehoben, dann sackte er auf den weichen Waldboden zurück. Kraft, jetzt brauchte er Kraft. Kraft, von der er schon als Junge vergeblich geträumt hatte. Irgendwann hatte er diesen Traum zu den Akten gelegt und seinen nutzlosen Kampf um Muskelpakete oben aufgeschnürt. Im Laufe der Jahre im Büro war sein Körper nicht kräftiger geworden. Er erledigte nur die täglich notwendigen Arbeiten und das immer häufiger unter Protest. Aber hätte ihm jetzt ein Muskelpaket geholfen?

Amalies Blick ließ ihn nicht los. Wie hypnotisiert starrte er sie an.

„Amalie!” keuchte er. Schweißperlen hatten sich auf seiner Stirn gebildet und liefen über seine Schläfen. Amalie blieb unbeeindruckt hocken. Jonathan scharrte mit den Fingern im lockeren Waldboden. Er fühlte die Erde unter seinen Nägeln trocknen. Er hasste dieses Gefühl.

„Dieses verflixte Biest! Sie soll mich in Ruhe lassen”, stieß er unerwartet hervor und erschrak. Noch nie zuvor hatte er so von einem seiner Lieblinge gedacht, geschweige gesprochen. Für einen winzigen Moment bewegte sich Amalie. Es sah aus, als sortierte sie ihre haarigen Beine. Sofort nahm sie ihre alte Position ein. Und an Jonathans Lage hatte sich nichts geändert. Unglaublich, was hier mit ihm geschah! Die Rache einer Spinne? Wofür wollte sie sich rächen? Für das lumpige Bein? Für ihre Gefangenschaft? Vielleicht noch für ihre Freiheit! Albern, absolut absurd!

Aber Tatsache war, er lag hier, war unfähig aufzustehen, und eine Spinne hockte vor seinem Gesicht. Eine Spinne, die er gut kannte und die es wie alle anderen gut bei ihm gehabt hatte.

„Hasst du mich, Amalie? Warum? Was willst du von mir? Du weißt genau, mit deinem bisschen Gift bringst du mich nicht um”, flüsterte er und lächelte. Das Lächeln auf seinem Gesicht gefror zur Grimasse. Obwohl er keine Antwort erwartet hatte, wäre er nicht überrascht gewesen, wenn sie gesprochen hätte. Im Moment war alles möglich. Aber Amalie schwieg. Sie starrte ihn an, ununterbrochen.

Jonathan schloss die Augen. Er fühlte, wie die feuchte Erde Besitz von seinem Körper ergriff. Die frische Waldluft, die er liebte, konnte ihm keine Entspannung bringen. Er zitterte. Unkontrolliert klapperten seine Zähne aufeinander. Seine Kiefer knackten. Kälte kroch in ihm hoch und schnürte ein festes Band um seinen kraftlosen Körper, und die Kiefern rauschten ihr ewiges Lied.

Wo waren die Leute, die Jagd auf seine Spinnen machten, wo waren sie? Sie hätten ihn längst finden müssen! Aber nein, er wollte nicht entdeckt werden, er war heimlich gekommen.

Es war höchste Zeit, all seine Vorsätze über Bord zu werfen,denn plötzlich ging es um sein Leben. Er schrie. Sein Schrei blieb tonlos zwischen den Baumstämmen hängen. Verzweifelt schlug er den Kopf auf den Waldboden.

Sanfte Dunkelheit legte sich über die Wipfel der Kiefern und über den Mann, der für sein Leben gern ein Spinnenexperte war.

Krampfhaft fahndete man nach Jonathan Bille, dem Besitzer des Opels, der wochenlang am Waldrand parkte.
Jonathan Bille hatte der Erdboden verschluckt.