Logo
  • Suche

Ohne Worte (Folge 1)

02.05.08 (Kurzgeschichten)

Alle kannten Jonathan Bille. Jeder wusste, er ist ein extrem langweiliger, pingelig pünktlicher Mensch. Nichts konnte ihn aus der Ruhe bringen. Niemand ahnte, dass er einer Leidenschaft frönte, die manchem Mitbürger eine Gänsehaut über den Rücken gejagt hätte. Aber da er niemanden in seine Wohnung einlud, konnte niemand davon berichten. Und Bille schwieg.

Bille züchtete Spinnen, große, kleine, dicke, dünne, harmlose und gefährliche. Manchmal unter extrem schwierigen Bedingungen. Bille meinte, seine Zuchterfolge hätten ihn zu Weltruhm gebracht, wenn er nur gewollt hätte. Aber er mochte kein Aufheben um seine Person. Er war ein ganz normaler Mensch. Nur die Leidenschaft für Spinnen, die ließ ihn nicht los.

Jahrelang hatte er auf Drängen seiner Familie erfolgreich dagegen angekämpft. Als er eines Tages bei einem Waldspaziergang mit seiner Tochter das seltene Exemplar einer Wolfsspinne entdeckte, die auf ihrem Rücken einen Eikokon trug, war es um ihn geschehen. Die alte Leidenschaft brach hervor. Frau und Tochter trennten sich von ihm.

Jeden Morgen vor der Arbeit überprüfte Bille alle Terrarienabdeckungen. Er befürchtete, wenn sich seine Lieblinge in dem Hochhaus, in dem er seit zehn Jahren wohnte, unkontrolliert breit machten, käme es zu einer Katastrophe. Den Tieren zuliebe musste er das verhindern.

Ein bisschen Schabernack aber, konnte er sich nicht verkneifen. Seine eingebildete Nachbarin von gegenüber hatte er ein paar Mal mit einer stattlichen Kreuzspinne erschreckt, und wenn sie dann kreischend auf dem Flur stand, war er natürlich zur Stelle, um sie zu erlösen. Stets war er versucht, ihr die Spinne in den wabbeligen Busen zu stecken, aber das Mitgefühl für seine achtbeinige Kreatur hielt ihn zurück.

Hatte sich in seinen Terrarien Nachwuchs angekündigt, fuhr er in den Wald und ließ einige ausgewachsene Exemplare frei. Platz in einer Neubauwohnung ist knapp, und von seinem schmalen Gehalt konnte er es sich nicht leisten, die Spinnen in ihrem Ursprungsland auszusetzen. Was aus ihnen wurde, war ihm nicht gleichgültig. Nein, Gott bewahre! Aber er hatte keine Wahl. Mit einem Blick in seine Terrarien besänftigte er sein Gewissen. Das Zuchtergebnis, das zählte! Von den ausgesetzten Spinnen hörte er nie wieder. Bis zum Montag letzter Woche.

Er hockte in der Couchecke und schlürfte seinen Morgenkaffee. Ein Orkan hätte das Dach des Hochhauses abdecken können, er hätte seinen letzten Schluck Kaffee in aller Ruhe ausgetrunken. Aber die Schlagzeile, die ihm heute auf der Titelseite seiner Zeitung entgegensprang, erregte seine Aufmerksamkeit.

‘Vogelspinne im märkischen Wald?’

Er beugte sich über die Zeitung, die er vor ein paar Minuten halb gefaltet auf dem Glastisch vor seiner Couch abgelegt hatte. Seine Hände zitterten… Fortsetzung morgen