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Geplanter Zufall (Folge 2)

30.11.08 (Kurzgeschichten)

Was vorher geschah

Mit zusammengepresstem Kiefer umklammerte er das Lenkrad. Seine Wangenmuskeln arbeiteten.
„Beruhige dich und erzähl der Reihe nach. Du bist angekommen und hast geklingelt.”
„Da war keine Klingel. Ich habe geklopft. Als sich nichts rührte, lauschte ich an der Tür. Plötzlich wurde sie aufgerissen, und – da stand Juliane.”
„Was hat sie gesagt?”
„ ‘Guten Abend Werner. Wir haben dich erwartet.’ ”
„Was? Sie hat dich erwartet?” Sabine hielt den Atem an.
„Nein, sie sagte: ’Wir’ ”
„Wieso ‘wir’ ?”
„Da war ein Mann. Er hockte im Wohnzimmer vor einem wild lodernden Kamin. Es stank nach selbst gebastelten Silvesterknallern.”
„Silvesterknaller und Kaminfeuer bei diesem Wetter?” Ungläubig wiegte sie den Kopf. „Und wer war das?”
„Ihr Alter.”
„Ihr Vater?”
„Ja, aber eigentlich starb der bei einem Sturz von unserer Kellertreppe.”
Sabine zupfte an ihrem Kleid. Das tat sie immer, wenn sie nachdachte. „Also, zwei Tote sitzen mit Silvesterknallern bei sommerlicher Hitze am Kaminfeuer. So ein Blödsinn”, stellte sie sachlich fest.
„Du glaubst mir nicht. Ich wusste es!”
„Du musst zugeben, das ist schwer zu glauben.”
Er schluckte. „Aber es stimmt.”
„Gut, lassen wir es dabei.” Sie starrte zum Haus auf dem Hügel. Er schwieg.

„Was wollten die von dir? Schließlich hatten sie dich erwartet.”
„Ich weiß nicht. Vor sieben Jahren hätte ich meine letzte Probe bestanden und werde aufgenommen.”
„Was für eine Probe? Wo wirst du aufgenommen?”
„Das habe ich auch gefragt. Sie sagten, ich wüsste schon.”
„Und?” Neugierig blickte sie ihn an. „Weißt du?”
„Sei jetzt still! Ich hätte dir nichts erzählen sollen”, wehrte er ab.
„Du musst etwas getan haben. Nur wenn man etwas tut, kann man etwas bestehen und aufgenommen werden.”
„Halt den Mund!”
„Vor sieben Jahren? Es war vor sieben Jahren, als sie abstürzte.” Sie grübelte. Plötzlich richtete sie sich auf. „Genau heute vor sieben Jahren!”
„Das ist unwichtig, Zufall oder sonst was!” brüllte er.
„Es muss damit zu tun haben! Nur was?”
Die Idee war absurd. War sie es wirklich? Wirre Gedanken tanzten in ihrem Kopf, der wie ein dicker Luftballon zu platzen drohte. Ihre Lippen waren blutleer und zitterten. Schmerzhaft spürte sie, wie ihre Finger den Rocksaum zerknüllten. Sollte ihr Mann vielleicht…

„Du hast sie gestoßen! Und das ist ihre Rache.”
„Du spinnst ja”, brüllte er.
Ihre Zähne schlugen aufeinander. Unwillkürlich umfasste sie den Griff der Autotür. „Du hast es getan. Aber warum? Sie weiß es, und du weißt es auch.”
Giftig rot waren seine Augen, als er Sabine am Hals packte. Mit letzter Kraft röchelte sie: „Du hast beide umgebra…” Er drückte zu. Sabine sackte zusammen.
Er grinste. „Natürlich nicht. Ich habe nur eine Kleinigkeit vorbereitet. Und du hättest besser nicht nachgedacht.”

Wie aus dem Erdboden gestampft erschien Juliane.
„Gratuliere zum Gesellenstück. Ich habe ihm prophezeit, du wirst es schaffen. Unsere letzte Bergtour hatte mich bereits überzeugt. Er verlangte noch einen Beweis. Jetzt kannst du nicht mehr wählen. Es ist vorbei. Wir warten.”

Juliane verschwand wie sie gekommen war.
Für den Bruchteil einer Sekunde bemerkte Werner gleißendes Licht auf dem Hügel. Und er bemerkte den angenehm schwefligen Geruch in der klaren Nachtluft.
In weiter Ferne schlug eine Kirchturmuhr Eins. Schluss