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Träume werden wahr (Folge 2-Schluss)

30.08.08 (Kurzgeschichten)

Was vorher geschah

Unerwartet sagte sie: „Ich richte dir das Bett auf der Couch, und dann lass uns schlafen gehen. Du hattest einen anstrengenden Tag.”
Ich kuschelte mich in das Federbett und genoss seine Wärme.

Der Nebel hatte sich verzogen, und das Mondlicht bahnte sich einen Weg durch die Gardine und fiel – auf das Bild.

Wurde ich beobachtet? Eine Gänsehaut jagte über meinen Rücken, und im Bauch war der Teufel los. Mir war heiß. Trotzdem klapperten meine Zähne. Ein Wasserfall rauschte in meinen Ohren, und die Luft wurde knapp.

Mit zusammengekniffenen Augen schielte ich zum Bild. Blödsinn!
Entschlossen warf ich mich auf die andere Seite. Ich wollte schlafen.

Im Traum bummelte ich mit Max, meinem Terrier, über die Dorfstraße. Frau Hetze sah aus ihrem Fenster, jung und frisch. Sie trug ein schwarz – weißes Kleid, wie es häufig alte Frauen tragen.

Ich blieb stehen. Mein Schuhband war aufgegangen. Wütend zerrte Max an der Leine und kläffte. Frau Hetze starrte ihn strafend an. Max legte sich flach auf den Boden und vergrub die Schnauze unter seiner rechten Pfote.

„He, Max, was ist los?” Ohne die Schnauze zu heben, schielte er mich an. Das entsprach nicht dem Temperament meines Hundes.

Um nicht unhöflich zu sein, fragte ich: „Wie geht es Ihnen, Frau Hetze?”

„Gut, mir geht es sehr gut”, antwortete eine jugendliche Stimme, die mich aufhorchen ließ.

Hier ist was faul, signalisierten meine Nackenhaare. Ich ahnte nicht was. Aber ich wollte es wissen.

„Sie haben Sorgen, Monika”, fuhr die Stimme fort. „Sie sollten mit mir reden.”

Was hatte ich mit dieser Frau zu reden? Ein eiskalter Schauer erwischte mich. Aber halt! Vielleicht kam ich so einen Schritt weiter.

„Nein, es ist genug, wenn ich mich damit quäle.” Ich winkte geziert ab.

„Ich höre Ihnen gerne zu. Geteilte Sorgen sind halbe Sorgen. Kommen Sie rein!”

Sie verschwand vom Fenster, und im gleichen Augenblick quietschte die Haustür. Eine schwarze Katze schoss auf die Straße. Max sprang entsetzt zur Seite. Die Katze wäre sonst auf seinem Rücken gelandet.

Das Haus roch aufdringlich nach Kamille. Am liebsten wäre ich umgekehrt. Aber die Neugierde stachelte mich an.

„Kommen Sie, Monika. Ich brühe uns eine Tasse Kamillentee.” Schon wieder Kamillentee! Egal, da musste ich durch!

„Gehen Sie in die Stube und setzen Sie sich. Ich bin gleich da.”

Das erste, was ich bemerkte, war Omas Bild, nur größer. Mit zugezogener Gardine. Angewurzelt stand ich in der Tür.

Max drückte sich ängstlich an meine Wade. Beinahe wäre ich gestolpert.

Meine Großmutter besaß die gleiche Couchecke. Ich war verwirrt. Solche Zufälle gab es nicht. Ich drehte mich um und hörte mich fragen: „Sie haben ein wunderschönes Bild. Darf ich es mir näher ansehen?” „Aber natürlich, schauen Sie nur.” Mich traf der Schlag. Die Gardine war zurückgezogen und hing zerknittert herab.

Das Zimmer drehte sich. Ich klammerte mich an den Sessel. Mein Kopf war ein aufgeblasener Luftballon, der im nächsten Moment zu platzen drohte.

Ich wusste, dass ich schlief, und dass ein Traum mich fesselte. So sehr ich mich wehrte, ich konnte nicht erwachen.

Max verkroch sich unter dem Tisch und winselte zum Steinerweichen. Es ging mir miserabel. Diese Frau ergötzte sich an meinem Elend und raubte mir alle Kraft. Komisch, gestern bei meiner Großmutter fühlte ich mich ähnlich.

Willenlos plumpste ich in den Sessel, und Frau Hetze reichte mir den Kamillentee. In einem Zug stürzte ich die Tasse herunter.

„Nun, was bedrückt Sie?” Ich blickte ihr ins Gesicht. Ihre Augen waren gläsern und die schmalen Lippen fest aufeinander gepresst. Vom Geruch der Kamille gemartert, redete ich ununterbrochen, bis ich erschöpft im Sessel hing.

Ich sah auf meine Hände. Das waren nicht meine Hände – das waren die Hände einer alten Frau.

Erschrocken versteckte ich sie unter dem Tisch. In ihrer Vitrine spiegelte sich mein Gesicht. Meine Haare waren grau und das Gesicht voller Runzeln.

Schreiend wurde ich wach. Schweißperlen liefen mir von der Stirn. Meine Hände waren feucht und kalt. Unter meinem Rücken lag verknüllt das Bettlaken, und die Zudecke war von der Couch gerutscht. Ich atmete tief durch. Ich hatte nur schlecht geträumt.

Mit einem fröhlichen „Guten Morgen” betrat meine Großmutter das Wohnzimmer. In der Hand hielt sie eine dampfende Tasse Kamillentee.

Ich riss die Augen auf. Sie war es wirklich! So wie ich sie von uralten Fotos kannte. Nur das dunkle Kleid erinnerte an gestern.

Ich musterte instinktiv meine Hände. Ohnmächtig sank ich ins Kopfkissen zurück.

Das waren die Hände einer alten Frau!