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Geplanter Zufall (Folge 1)

28.11.08 (Kurzgeschichten)

Plötzlich streikte der Motor. Drückende Stille lag über der nächtlichen Landschaft bis Werner Gabriel tobte: „Ich habe es gewusst!” Wütend knallte er seine Hände auf das Lenkrad. Sabine zuckte zusammen. Sie kannte die Wutausbrüche ihres Mannes, aber gewöhnen konnte sie sich nicht daran.

„Bloß weil du unbedingt zu nächtlicher Stunde über diese blöde Straße fahren wolltest.” Mit zornig funkelnden Augen traktierte er das Zündschloss.

„Sicher wäre es auch auf der Hauptstraße passiert”, lenkte sie vorsichtig ein.
„Meinst du!” Er schaute sich um. „Siehst du hier ein Haus, von wo man eine Werkstatt anrufen könnte? Ich sehe nur Kiefern und Gras. Entsetzlich! Und das nennt sich Urlaub.”

Sabine blickte suchend über die Wiese. „Sieh, dort auf dem Hügel!” rief sie erleichtert.
„Das ist stockdunkel.” Er winkte ab.
„Aber vielleicht könnten wir versuchen…”
„Muss ich wohl. Du wartest hier”, befahl er.
„Könnte ich nicht…”
„Nein, einer muss beim Auto bleiben.” Er stieg aus und stiefelte querfeldein den Hügel hinauf.

Wie konnte er ihr das nur antun? Oh, wie sie es hasste, im Dunkeln allein zu sein!
Mit hochgezogenen Füßen hockte sie auf ihrem Sitz. Die Hitze des Tages war noch immer zu spüren, aber sie fror. Es duftete nach frischem Heu. Unruhig wanderten ihre Augen zwischen den dunklen Kiefern und dem Haus auf dem Hügel hin und her. Wenn er nur endlich käme!
In weiter Ferne schlug eine Kirchturmuhr Mitternacht.

Gerade als sie dem Waldkauz nachblickte, der lautlos zwischen den Kiefern verschwand, riss Werner die Autotür auf und warf sich auf den Sitz. Er schüttelte schweigend den Kopf. Seine Hände zitterten, als er erneut versuchte den Motor zu starten. Im fahlen Mondlicht sah sie sein blasses Gesicht und seine entsetzt aufgerissenen Augen.

„Was ist passiert? Sag endlich!” Sabine rutschte auf ihrem Sitz hin und her.
Bewegungslos starrte er vor sich hin. Für einen Moment schloss er die Augen.
„Was ich gesehen habe, sollte ich dir besser nicht erzählen. Du wirst es nicht glauben.”
Sie nickte. „Doch, ich werde es glauben.”
„Ich habe meine Frau gesehen.” Nein, das konnte sie ihm nicht glauben. Sie schüttelte mit dem Kopf.
„Werner, ich bin hier.” Sie beugte sich vor und griff nach seiner Hand.
„Du verstehst nicht, ich habe Juliane gesehen!” Unwillig entzog er sich ihrer Berührung.
„Juliane?”
„Ich habe dir gesagt, du wirst mir nicht glauben.”
„Juliane? Deine erste Frau?” wiederholte sie.
„Ja.”, antwortete er.
„Juliane ist seit sieben Jahren tot!”
„Sie war dort.”
„Aber sie ist bei eurer Bergtour abgestürzt.”
„Ja, ist sie. Ihre Leiche wurde nie gefunden.”
„Ich weiß.” Sabine wies mit der Hand den Hügel hinauf. „Das kann sie nicht sein!”
„Glaub mir, ich habe sie gesehen!” Fortsetzung folgt