Bloß nichts überstürzen! Folge 1
28.06.08 (Kurzgeschichten)
Der alte Kachelofen im Wohnzimmer der Keitzers strahlte wohlige Wärme aus. Draußen krachte die Kälte. Ungewöhnlich zeitig hielt der Winter in diesem Jahr seinen Einzug. Es war erst Anfang November.
Edmund Keitzer hockte in seinem Sessel. Er hatte die Ellenbogen auf den Tisch gestützt und sein Gesicht in den Händen vergraben. Seine Zigarre qualmte sacht im Aschenbecher und verbreitete den aromatischen Duft, den er so liebte.
Die Madakaskapalme auf dem Fensterbrett malte mit dem letzten Tageslicht bizarre Schatten an die hässliche Blümchentapete, die seine Frau nur ausgesucht hatte, weil er so etwas nicht mochte.
Er schob sich aus dem Sessel und kramte eine halbvolle Wiskhyflasche aus seinem Geheimfach hinter der Briefmarkensammlung. Jetzt konnte er es riskieren. Seine Frau Elisabeth hatte sich im Bad verschanzt. Heute war glücklicherweise nicht mehr mit ihr zu rechnen.
Liebevoll wischte er den Staub von der Wiskhyflasche, schraubte sie auf und nahm einen ordentlichen Schluck.
Er plumpste in den Schaukelstuhl. Das langsame Hin und Her machte ihn schläfrig.
Leise tickte die Standuhr. Die Sekunden verrannen und mit ihnen sein Leben. Und was für ein Leben! Seine Frau bestimmte was er tat, seine Frau bestimmte was er unterließ, und seine Frau wollte bestimmen, was er dachte. Aber soweit war es noch lange nicht. Er schmunzelte. Er dachte an Theresa, dieses zarte Geschöpft. Für Momente vergaß er seinen Kummer. Theresa war das Wunderbarste, was ihm je begegnet war. Ein blonder Engel mit glänzenden, blauen Augen und einer Traumfigur. Zugegeben, sie war jung, verdammt jung. Aber das war egal. Hauptsache eine Seele, die ihn liebte.
Theresa war die Tochter seines Jugendfreundes Manfred. Er traf sie immer bei ihm. Manfred war der einzige Freund, den Elisabeth nicht vergraulen konnte. Edmund zuliebe hielt er an ihrer Freundschaft fest, denn wer so eine Frau hat, hat einen guten Freund nötig.
Bei einem seiner Besuche hatte Edmund nach Jahren Theresa wieder getroffen. Zwischen den beiden funkte sofort. Was Theresa an ihm fand? Er zuckte unmerklich mit den Schultern. Seine Falten, die kurzsichtigen Augen hinter der dicken Brille, das lichte Haar…? Egal, sie liebte ihn. Welch wundervolles Gefühl!
Elisabeth war mit den Jahren unerträglich geworden. Er sollte sich von ihr trennen, sicher. Wenn das nur so einfach wäre! Er würde alles verlieren. Nur ihr Tod könnte das verhindern, denn sein Vater hatte im Testament verfügt, dass ihr bei einer Trennung sein gesamtes Erbe zufiel. Und das war nicht wenig.
Er schüttelte den Kopf.
„Edmund”, brüllte es aus dem Bad. Er zuckte zusammen, versteckte die Wiskhyflasche unter dem Schaukelstuhl und erhob sich. Was wollte sie noch von ihm? Das hatte nichts Gutes zu bedeuten. Seit dem Mittag lag Gewitterstimmung in der Luft. Und jetzt donnerte es.
„Edmund”, kreischte es. Diesmal lauter, giftiger. Er schlenderte zur Tür.
„Edmund, hörst du nicht!” Elisabeths Stimme überschlug sich.
„Man müsste ihr eins aufs Maul geben”, dachte er und kniff die Lippen zusammen. „Wenn ich es doch nur fertig brächte!” Aber eines Tages ist Schluss damit. Schluss mit der ewigen Streiterei, Schluss mit der Bevormundung und Schluss mit ihrer Gier nach seinem Geld. Nur wie dem ein Ende zu machen war, wusste er nicht.
Ohne zu antworten betrat er den Flur. Die Badtür stand offen. Seine Frau bückte sich barbusig über die Badewanne.
„Wo bleibst du?” keifte sie.
„Ich bin hier.” Elisabeth erschrak. Sie rutschte aus und schlug mit den Rippen auf die Badewanne. So nah hatte sie ihren Mann nicht vermutet. Edmund war unfähig, ihr zu helfen.
„Steh nicht da, wie eine Salzsäule, hilf mir lieber. Ich hätte mir den Hals brechen können.” Wie Recht sie hatte! Ein tödlicher Unfall hätte in sein Konzept gepasst.
Vorsichtig massierte sie sich die Seite.
„Du stinkst nach Zigarre!” Sie hob den Kopf und schnüffelte ihm entgegen. „Und getrunken hast du auch! Wo hast du den Schnaps her? Bring mir sofort die Flasche! Das fehlte noch, das Geld versaufen. Die Zigarren sind schon reine Verschwendung.” Dabei rauchte er selten, und dann nur die billigste Sorte.
„Elisabeth, bitte, ein Schnäpschen hin und wieder kannst du mir gönnen”, unternahm er einen zaghaften Versuch seinen heimlichen Wiskhy zu retten.
„Kommt überhaupt nicht in Frage. Wo hast du den her?”
„Den hat mir Manfred geschenkt”, log er.
„Manfred? Der spinnt! Der hat wohl vergessen, dass es in meinem Haus keinen Alkohol gibt. Dem werde ich was erzählen”, drohte sie.
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