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Träume werden wahr (Folge 1)

22.08.08 (Kurzgeschichten)

Fünf lange Jahre hatte ich mit mir gekämpft. Jetzt war ich entschlossen, den Streit mit meiner Großmutter zu begraben.
Sie war vor sieben Jahren in ein verschlafenes Bergdorf gezogen, das nur dreizehn Häuser zählte.

Bei meinem letzten Besuch stellte sie mir den Sohn ihrer Nachbarin vor und drängte mich, ihn zu heiraten. Nur er käme als idealer Ehemann in Frage, behauptete sie störrisch. Dass ich meinen Mann selbst aussuchen wollte, akzeptierte sie nicht. Eine furchtbare Auseinandersetzung folgte. Wütend hatte ich die Haustür geknallt und war davon gebraust. Die wird mich nie wiedersehen, schwor ich auf dem Heimweg.

Trotz einer turbulenten Arbeitswoche machte ich mich auf den Weg zu ihr.
Als ich ihr winziges Fachwerkhaus erblickte, hatte sich der laue Frühlingstag längst im Nebel verkrochen. Die kahlen Äste der Linde vor ihrem Haus bohrten sich in den dunstigen Himmel. Vom Scheinwerferlicht aufgeschreckt, sprang eine schwarze Katze über den Gartenzaun.

Freudestrahlend wurde ich begrüßt. Ich war überrascht. Sicher hatte meine Großmutter eingesehen, dass ich Recht hatte. Mit keinem Wort erwähnten wir unseren Krach. Alles war wie früher.

Nein, wohl doch nicht.

Seltsam strahlend bot sie mir eine Tasse Kamillentee an. Kamille mochte ich nicht, und das wusste sie. Der Geruch hockte bereits in ihrem niedrigen Wohnzimmer und fiel über mich her. Früher hatte sie Pfefferminztee parat. In ihrem Garten wucherte die Pfefferminze, und der Duft gehörte zu ihrem Haus wie blauer Himmel zum Sommer.
Wir saßen gemütlich in der Couchecke, und ich berichtete von meiner chaotischen Woche. Aufmerksam lauschte sie. Sie hörte einfach nur zu! Sie sagte nichts, merkwürdig.

Mein Blick schweifte zum Bild über ihrer Anrichte. Das war neu.
„Oma, sag mal, seit wann hängt das Bild hier?”
Mit verklärten Augen streichelte sie das Gemälde.
„Gefällt es dir? Ich finde es phantastisch”, hauchte sie mit sonderbar rauer Stimme.

Unbehaglich drückte ich mich tiefer in den Sessel. Ich versuchte dem schiefen Haus mit seiner wild verworrenen Weinranke und der schwarzen Katze auf der Haustürschwelle etwas abzugewinnen.
Irgendetwas störte mich. Da war etwas Geheimnisvolles. Etwas, das sich nicht erklären ließ.

Meine Knie zitterten. Unruhig schurrten meine Füße auf dem roten Plüschteppich. Der Magen rebellierte, und ich – stierte auf das Bild. Wie lange, weiß ich nicht.
Widerwillig nahm ich einen Schluck Kamillentee. Vielleicht ließ sich der Magen beruhigen.
Das Bild zog mich magisch an. Langsam ging ich darauf zu. Großmutter hockte starr in ihrem Sessel. Ich spürte ihren Blick unangenehm in meinem Rücken.

Das Bild hatte sich verändert. Das gab es nicht! Ich musste mich täuschen! Aber ich hätte geschworen, die Gardine hinter dem einzigen Fenster war geschlossen. Jetzt war sie aufgezogen und fiel hässlich zerknittert herab. Mein Herz klopfte bis zum Hals. Die zittrigen Hände verstaute ich in der Hosentasche.
Hatte Großmutter die Veränderung des Bildes nicht bemerkt?

Mit zur Seite gelegtem Kopf sagte ich bestimmt: „Weißt du, mir gefällt es nicht.” Ein stechender Schmerz im Rücken ließ mich zusammenfahren. Mein Ischias! Du meine Güte, den gab es noch? Jahrelang hatte er mich in Ruhe gelassen. Glücklicherweise verschwanden die Schmerzen so schnell wie sie kamen.
Ich setzte mich, und sie goss Tee nach.

„Wo hast du dieses Bild her?”
„Weißt du, wer es gemalt hat?” Ihre Stimme klang heiser.
„Nein, sollte ich den Maler kennen?”
„Die Malerin, es ist eine Malerin”, korrigierte sie pathetisch.
Ihre Augen leuchteten. „Sicher erinnerst du dich an Frau Hetze, meine Nachbarin.”
„Ja und ob. Ach, das ist ihr Haus. Jetzt sehe ich es.”
„Richtig. Und sie hat das Bild gemalt.”
„Die? Oma?!” protestierte ich mit einer Grimasse.
„Doch, kannst du glauben.”
Misstrauisch rollte ich mit den Augen.
„Die lebt noch?”
„Natürlich, was dachtest du?”
„Die muss doch uralt sein. Mindestens 80.”
„Quatsch. Sie ist 50 oder höchstens 60 Jahre.”
„Oma, du musst dich irren. Dann wäre sie jünger als du. Niemals!”
„Mädchen, was du dir einbildest!” Sie schüttelte so heftig mit dem Kopf, dass ihr grauer Dutt verrutschte.

Mit beiden Händen umklammerte sie ihre Teetasse und ließ ihren Blick ruhelos zwischen mir und dem Bild hin und her wandern.
Ich schwieg betroffen. So komisch hatte ich meine Großmutter noch nie erlebt. Das Streiten um Tatsachen passte nicht zu ihr.

Fortsetzung folgt