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Strafe muss sein

21.10.08 (Kurzgeschichten)

Bernd ist mein bester Freund. Es ist nicht das, was Sie vielleicht jetzt denken. Nein, es handelt sich um eine ernstzunehmende Männerfreundschaft mit allem Drum und Dran. Selbstverständlich völlig anders als Frauenfreundschaften, ohne diese verlogene Harmoniesucht. Wir kriegen uns richtig in die Haare, wenn wir Fußballschlachten vor dem Fernseher gewinnen wollen, über Politik diskutieren oder über schnelle Autos. Männerfreundschaften sind pflegeleicht. Hat man sich einmal Freundschaft bewiesen, ist alles klar.

Einen riesigen Fehler hat Bernd allerdings, und der nervt mich. Er ist unnormal gewissenhaft.
„Eines Tages”, prophezeite ich ihm, „wirst du dafür bestraft.” Wie Recht ich hatte, erfuhr ich gestern Abend.

Es klingelte, und ich öffnete die Tür
„Also Klaus, ich bin am Ende.” Erschöpft, mit wirren Haaren, zerrte er sich den Anorak vom Leib. Seine Sorgenfalten schienen tiefer als gewöhnlich.
„Bernd, was ist? Du stehst ja richtig neben dir.”
„Wenn ich dir erzähle, was mir heute passiert ist, wirst du dich kringeln vor Lachen.”
„Nun komm, spann mich nicht auf die Folter.” Ich klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.
„Also gut.” Er atmete tief durch. „Ich hatte einen Zahnarzttermin. Zwei Straßen vor der Praxis schoss es mir wie ein Blitz durch den Kopf: Führerschein und Fahrzeugpapiere vergessen! Für einen Moment dachte ich daran umzukehren. Man bedenke, ich ohne Papiere! Ich grübelte, wie so etwas passieren konnte. Sicher der Stress wegen des Zahnarztes, du verstehst? Ich riss mich zusammen und blieb optimistisch. Warum gerade sollte ich heute von der Polizei angehalten werden. Ich bin noch nie in eine Fahrzeugkontrolle geraten.”
„Tatsächlich nicht?” staunte ich mit offenem Mund. „Ich schon. Und jedes Mal hatten die was zu meckern.”
„Naja, du ahnst, was jetzt kommt. Kurz vorm Zahnarzt wurde ich von der Polizei angehalten. Mir rutschte das Herz in die Hose. Zu schnell war ich nicht gefahren. Gibt es nicht bei mir. Das weißt du. ’Allgemeine Fahrzeugkontrolle. Bitte Ihren Führerschein und die Fahrzeugpapiere.’ Ich war sicher totenbleich. Meine Knie zitterten, und ich wagte kaum aus dem Auto zusteigen. ‘Haben Sie getrunken?’ war das Nächste. ‘Nein, um Himmels Willen, ich trinke nie, wenn ich Auto fahre.’ kam meine Antwort. Aufgeregt beichtete ich die vergessenen Papiere. ‘Herr Wachtmeister’, sagte ich flehend, „ich habe seit 20 Jahren meinen Führerschein und bin nicht ein einziges Mal kontrolliert worden. Noch nie bin ich ohne Papiere gefahren.’ ”

„Und?” fragte ich gespannt.
„Er hat mir geglaubt, stell dir vor.”
„Dir muss man einfach glauben. Bestimmt hast du furchtbar zerknittert dreingeschaut.”
„Klar, schließlich musste ich was tun. Eine Geldstrafe konnte er sich nicht verkneifen. Wenigsten gab es keine Punkte.”
„Und, das hat dich so aufgeregt?”
„Ne, der Clou kommt noch.”
„Bist du noch mal in eine Kontrolle geraten?”
„Quatsch. Als ich zu Hause war, habe ich meine Tasche ausgeräumt und…” Er machte eine Pause und verdrehte die Augen.
„Und?” Gespannt wie ein Flitzebogen starrte ich ihn an.
„Da waren meine Papiere! Stell dir vor! Ich hatte sie in der Tasche. Dabei war ich überzeugt, sie vergessen zu haben. Ich habe nicht mal gesucht. Das hat mich ein paar Euro gekostet, und so überflüssig.”

Ich kringelte mich wirklich vor Lachen: „Es trifft immer die Falschen.”