Logo
  • Suche

Zu spät (Folge 2)

17.09.08 (Kurzgeschichten)

Was vorher geschah

„Dass meine Mutter sterben wird.” Gustav schnaufte.
„Och, das ist doch nichts Schlimmes. Jeder Mensch muss sterben.”
„Das schon, aber ich habe ihm auch gesagt, wie sie sterben wird.”
„Und das hat gestimmt.” Florian nickte wissend.
„Ja. Sie ist vom Heuboden gestürzt und unter den Händen eines Quacksalbers gestorben.”
„Das ist schlimm, aber was hattest du damit zu tun?” Florian legte den Kopf zur Seite.
„Erwin hatte später der Polizei erzählt, was ich ihm anvertraut hatte. Man glaubte, ich habe es geplant und sie gestoßen. Niemand hatte gesehen, wie es passiert war.”
„Du hättest deine Mutter warnen müssen.”
Gustav hielt den Atem an. Er hatte es immer geahnt, dem Jungen konnte er nichts vorspielen.


„Das wollte ich tun, glaub mir Florian. Obwohl ich genau wusste, dass ich es hätte nicht verhindern können.”
„Doch du hättest! Du hättest sofort mit ihr sprechen müssen! Warum warst du zuerst bei deinem Freund? Da ist wertvolle Zeit vergangen.”
„Ja, ich weiß. Ich hatte nicht geahnt, dass es so schnell passieren wird, und außerdem, sie hätte mir nicht geglaubt. ‘Spinner’, hatte sie immer gesagt. Den Krieg, ich war sechs, als ich davon sprach, tat sie als Phantasiegebilde eines Kindes ab. Und doch kam er kurz darauf mit gewaltigem Leid. Mein Vater wurde eingezogen. Sie wartete auf Post, sie litt. Ich musste ihr sagen, verstehst du, dass sie umsonst wartet. Vater war am Mamaja- Hügel gefallen, nur sie wusste es noch nicht. Ich bezog eine gehörige Tracht Prügel. Und doch stimmte es.” Gustav senkte den Kopf. „Keiner hat mir je geglaubt.”
„Ich glaube dir. Ich bin froh, dass es dich gibt.” Florian schmiegte sich an Gustav. „Ich glaube dir wirklich.”
„Ich weiß, mein Junge. Oft habe ich in meiner Zelle Dinge voraus gesehen, aber seit damals habe ich niemals wieder darüber gesprochen.”
„Was für Dinge?” drängte Florian.
„Solche Dinge eben.”
„Für den Krieg kannst du nix und für den Tod deines Vaters auch nicht. Deine Mutter…”
„Nein, nein, nein, aber ich habe gewusst, was kommt, verflucht noch mal”, schrie Gustav. „Ich habe es nicht ein einziges Mal geschafft, das, was sich vor meinem geistigen Auge abspielte, zu verhindern. Ich bin alt und müde. Ich kann nicht, und ich will nicht mehr.”
„Aber Gustav es geht um Menschen.”
„Ich weiß, und meine Jahre im Knast? Da ging es um mich. Bin ich kein Mensch? Ja, ein Mensch mit einer verfluchten Gabe, die mich bisher nur gequält hat, weil mir niemand zuhörte, weil mir niemand glaubte. Wozu auch, es wäre stets zu spät gewesen.”
„Gustav, sei nicht traurig. Das ist jetzt vorbei.”
„Es ist nicht vorbei, auch du wirst nichts ändern…”, plötzlich hielt Gustav inne. Jetzt war es raus. Was hatte er getan? Eigentlich nichts. Unweigerlich wäre Florian eines Tages selbst darauf gekommen. Nun musste auch der Junge mit dieser Bürde leben.
Florian nahm seine Mappe vom Rücken und stellte sie ab. Gustav versuchte in seinem Gesicht zu lesen. Er sah nur die zusammen geschobenen Brauen des Jungen.
Schweigend starrten beide über die Friedhofsmauer auf die Gräber. Ein seltsames Paar. Vereint in Gedanken. Keiner vermochte zu sagen, wie lange sie so standen.
„Gustav, du weißt, was gleich passieren wird”, sagte Florian plötzlich und schaute zum Himmel. Gustav hob den Kopf. Der Herbstwind jagte dunkelgrauen Wolken nach.
„Ja, ich weiß”, sagte er tonlos und nickte. „Und wir beide können nichts tun.”
„Aber wir müssen was tun! Komm, gleich!” Florian suchte Gustavs Hand.
„Flori, es zu spät. Glaub mir, es ist immer zu spät.”
„Nein, es ist nicht immer zu spät. Vielleicht für dieses Mal. Hätten wir uns nur gestern getroffen! Ich habe da was gefühlt, jetzt erst weiß ich, was es bedeutet.” Tränen kullerten über seine Wangen.

Im selben Moment krachte das erste von zwei Flugzeugen auf der anderen Seite der Welt in das World Trade Centre.

Gustav schloss die Augen. Er spürte den Schmerz, und er spürte wie Florians kleine Finger kräftig in seiner verrunzelten Hand arbeiteten. Er wusste, auch das nächste Mal wird es zu spät sein.