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Zu spät (Folge 1)

12.09.08 (Kurzgeschichten)

Auch an diesem Dienstag schlenderte Gustav Hasler an der Friedhofsmauer entlang.
Ehrfurchtslos rasten Autos auf der Durchgangsstraße vorbei. Es war wie jeden Tag, und doch würde er sich von den anderen unterscheiden.

Gustav hob den Kopf und blickte in die Kronen der Eichen, die schon länger als ein Menschenleben die Toten dieses märkischen Dorfes bewachten. Vielen Bewohner hatten sie das letzte Geleit gegeben.

Fröstelnd raffte Gustav seinen Mantelkragen zusammen und schob ihn unter das unrasierte Kinn. Der Wind rüttelte an den Ästen, an denen die Blätter um ihren Halt kämpften Der Himmel droht mit dem unvermeidlichen Herbst.
Niemandem hätte Gustav erklären können, was ihn hierher trieb. Es war immer das Gleiche.

Die Gräber waren es nicht. Die ließen ihn nur erschauern.
Er kannte die Namen auf den Grabsteinen. Die Erinnerungen taten weh. Da, gleich neben dem Eingangstor lag Erwin, sein bester Freund, den er nach diesem unseligen Tag vor ewigen Zeiten, nicht mehr gesprochen hatte. Geheimnisse sollte man eben nicht ausplaudern.

Gustav blieb stehen, starrte auf seine abgewetzten Schuhspitzen. Der zerschlissene Mantel flatterte hinter ihm her. Langsam hob er den Kopf, strich sich eine graue Strähne aus dem Gesicht.

Furchtbar, da war es wieder dieses Gefühl. Unbeschreiblich! Unheimlich! Seine Gedanken ließen sich nicht ordnen, noch nicht. Doch er wusste, bald würden sie Formen annehmen, grässliche Formen. So war es immer, aber immer zu spät.

„He, Gustav!” Die Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Gustav drehte sich um. Ein etwa zwölfjähriger Junge rannte auf ihn zu. Die Schulmappe wippte gefährlich auf seinem Rücken. Gustav lächelte.
„Flori, wo kommst du her?”
„Vom Bus, aus der Schule.”
„Geh nach Hause, deine Mutter wartet. Kriegst Ärger, wenn sie sieht, dass du mit mir redest”, rief Gustav.
„Quatsch, lass sie schimpfen. Mir egal.”

Gustav grinste. Florian war der einzige im Dorf, der trotz Verbots mit ihm sprach, denn das hier war ein anständiges Dorf. Leute, die im Knast gesessen hatten, gehörten nicht zur Gemeinschaft.
Dass Florian ein besonderer Junge war, hatte er sofort gespürt und gleichzeitig gewünscht, es wäre anders.

Außer Atem blieb Florian stehen. Gustav sah, dass seine braunen Augen heute einen Schein dunkler waren als gewöhnlich.
„Was ist, du bist so nachdenklich?” begann Florian.
„Schon gut, mein Junge.” Gustav tätschelte ihm den borstigen Haarschopf. „Erzähl, was hast du heute erlebt?” So war es immer, wenn sich die beiden trafen. Florian berichtete von der Schule, von Freunden, erzählte von seinen Sorgen und Problemen. So brachte er ein klein bisschen Farbe und Freude in Gustavs Leben. Und manchmal erzählte ihm Gustav von früher.

Unvermittelt sagte Florian: „Gustav, du hast mir nie erzählt, warum du im Gefängnis warst. Bist du ein Mörder, wie die Leute sagen?”
„Die Leute sagen das, und der Richter hat es auch gesagt. Lass es gut sein. Ich möchte nicht darüber reden. Das war schlimm.”
„Also, bist du ein Mörder oder nicht. Ich will wissen, ob es stimmt.” Er stampfte mit dem Fuß.
„Nein Flori, nein!” schrie es aus ihm heraus. Erschrocken wich Florian einen Schritt zurück. Jetzt bereute er, überhaupt gefragt zu haben. Unter keinen Umständen wollte er die Freundschaft zu Gustav aufs Spiel setzten.

Gustav stülpte die Mütze über, die er solange in der Hand getragen hatte, und schaute dem Jungen ins Gesicht.
„Das ist eine lange Geschichte, und ich bin nicht sicher, ob du sie kennen solltest.”
„Ich bin dein Freund und Freunden erzählt man alles.”
„Stimmt, das dachte ich früher auch. Aber manchmal darf ein Freund nicht alles wissen.”
„Wie kommst du darauf? Mir kannst du alles erzählen, ich mag dich. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass du ein Mörder bist.”
„Ich bin kein Mörder. Das muss genügen!” sagte er barsch. Im selben Moment bedauerte er seinen Ton, aber er wollte dem Jungen eine Last ersparen, die er unweigerlich herauf beschwören würde. Aber war es nicht längst zu spät?
„Gut, ich werde es dir erzählen.” Er zeigte auf den Grabstein mit Erwins Namen. „Siehst du das Grab?”
„Ja.”
„Das war mein bester Freund. Ich hatte ihm vertraut, und er hat mich ins Gefängnis gebracht. Ich war damals zweiundzwanzig.” Gustav strich sich über die Augen.
„Was hast du ihm erzählt?”

Fortsetzung folgt