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Vertauschte Rollen – Eine Weihnachtsgeschichte (Folge 2)

11.12.08 (Kurzgeschichten)

Was vorher geschah

Stefan klopfte auf sein Portemonnaie. „Und Geld habe ich außerdem gespart. Der war im Sonderangebot.” Ich grinste. Sonderangebot! Ein Weihnachtsbaum im Sonderangebot!
Außer diesem mindestens drei Meter langen Stamm und den weit ausladenden Ästen, war nicht viel dran, an diesem Sonderangebot. Die vorhandenen Nadeln hätten zusammen genommen zweifellos einen dekorativen Zweig für unsere Anrichte abgegeben, aber mehr nicht.
Mausi, unsere Katze, war meiner Meinung. Nur hatte sie sich nicht so gut im Griff. Ahnungslos stolzierte sie aus dem Wohnzimmer. Sie muss sich sehr erschrocken haben, denn ihre Nackenhaare standen augenblicklich wie die Borsten unserer Toilettenbürste, und sie gab Töne von sich, die ich nur von unserer quietschenden Kellertür kannte.

Niemand hätte dieses Gebilde für einen Weihnachtsbaum gehalten, aber mein Mann war überzeugt einen gekauft zu haben. Wie konnte er sich nur so etwas aufschwatzen lassen?
„Warum sagst du nichts? Gefällt er dir nicht? Es ist der Schönste seit Jahren.” Er streichelte den spärlich benadelten Zweig, der in die Küche ragte.
„He, warum redest du nicht mit mir? Hast du dir wieder die Zunge verbrannt?”
„Nein, mir fehlen nur die Worte.” Und sie fehlten mir tatsächlich.
„Das kann ich mir denken, bei so einem Baum”, schwärmte er, und ich wurde das Gefühl nicht los, er meinte es ernst.

In all den Jahren hatte jeder über die Unzulänglichkeit des anderen großzügig hinweggesehen. Er über meine Backkünste und ich über seine Weihnachtsbäume.
Angesichts meiner prachtvoll gelingenden Plätzchen kam ich in Versuchung, das zu ändern.
„Hoffentlich hast du genug Lametta von dem eingesparten Geld gekauft”, bemerkte ich spitz.
„Wieso?” Er legte den Kopf zur Seite, ohne den Blick von seinem Sonderangebot zu wenden.
„Ich denke, du wirst es brauchen.” Ich tippte an den kahlen Zweig und sagte mit einem Unterton der Schadenfreude: „Wie willst du sonst diese kahlen Äste verdecken?”
Stefan stand wie vom Donner gerührt. So hatte ich noch nie an seinem Baum gemäkelt, und eigentlich war es auch gemein. Die Quittung für mein hässliches Ansinnen sollte ich umgehend bekommen.
„Du sag mal, könnte es sein, dass deine Plätzchen in diesem Herd”, er tippte auf die kalte Platte „etwas dunkel werden?”
Ich riss den Backofen auf, zerrte das qualmende Blech heraus und sah die Bescherung.
Stefan war meinem Rettungsversuch teilnahmsvoll gefolgt, und ein verstohlenes Grinsen verschwand eilig hinter seiner ernsten Miene.
Ich konnte ihm nicht mal böse sein, schließlich hatte ich angefangen zu stänkern.

In trauter Gemeinsamkeit reinigten wir die Küche und stutzten den Baum, wie jedes Jahr, und alles wäre beim Alten geblieben, wenn mir nicht das zweite Glas Wein, das wir uns nach getaner Arbeit leisteten, zu Kopf gestiegen wäre. Ich hatte plötzlich eine geniale Idee, diese blöde Plätzchenbackerei los zu werden.
„Im nächsten Jahr tauschen wurde die Rollen”, sagte ich gespielt gleichgültig. Dabei klopfte mein Herz wie verrückt, wenn ich an seinen Protest dachte und an die Art wie ich vorhatte, ihn zu zerschmettern.
„Welche Rollen?”
„Na, du bäckst die Plätzchen, und ich kaufe einen Weihnachtsbaum.” Ich rüstete zum Angriff und fuchtelte schon mal wild mit dem leeren Glas vor seinem Gesicht. „Das kann doch nicht so schwer sein”, fügte ich hinzu. Beinahe wäre mir das Glas aus der Hand gefallen, als er jubelte: „Schatz, das ist eine deiner klügsten Ideen. So machen wir es.” Übermütig gab er mir einen Schmatz auf die Wange.
Seine Begeisterung ließ mich für einen winzigen Augenblick stutzen, aber was wollte ich mehr? Mein Plan war gelungen und ich zufrieden.

Ein Jahr später.
Seit Stunden wandele ich zwischen Weihnachtsbäumen hin und her. Große und kleine, dicke und schlanke, Fichten, Tannen, Kiefern, alles vertreten, aber keiner, der meinen Vorstellungen annähernd entspricht.
Der Dunst des Glühweins geht mir auf die Nerven, und die Weihnachtsmusik, die aus dem Lautsprecher quäkt, höre ich bereits zum fünften Mal.
Meine Füße sind kalt, die Finger abgestorben und an der Nase habe ich bestimmt einen Eiszapfen. Wehmütig wünsche ich mich an den heimischen Herd.

Hätte mir Stefan nur verraten, was ich mir da einbrocke, ich wäre garantiert bei meinen Plätzchen geblieben.