Verdacht
10.07.08 (Kurzgeschichten)
Es hätte kein schöneres Wetter für ein Frühstück auf der Terrasse geben können. Unten im Garten hockte versteckt die Kälte der Nacht. Die Sonne stöberte in jedem Winkel, um sie davon zu jagen.
Im alten Birnbaum zankten sich lautstark drei Spatzen um einen fetten Frühstückshappen.
Eingehüllt vom Duft des Jasmins hatten Linda und Stefan Gruber ihre Rühreier verspeist.
„Stefan, siehst du auch, was ich sehe?” Linda schubste ihren Ehemann an, der gemütlich im Korbstuhl die Zeitung studierte. Kurz blickte er über den Brillenrand, um sich gleich wieder seinem Artikel zu widmen.
„Nein, ich sehe nichts”, brubbelte er.
„Stefan, schau doch! Herr Berger kommt vom See.”
„Und? Ist da was Besonderes?”
„Sieh hin, dann weißt du es!” drängte Linda.
Unwillig raschelte Stefan mit seiner Lektüre.
„Die kommen jeden Morgen vom See. Ist nichts Neues.”
„Richtig, die kommen. Aber heute kommt nur er.”
„Was, wo ist sie?”
„Weiß nicht?” Linda reckte den ohnehin langen Hals.
„Am besten du gehst rüber und fragst wo sie steckt.”
„Quatsch! So was kann man nicht machen.”
„Siehst du, dann gib Ruhe und lass mich lesen.”
„Stefan! Ich bin nicht neugierig. Du kennst mich.”
„Ja, ich kenne dich. Du bist neugierig wie Schmidts Katze. Die steckt ihre Nase auch in fremde Töpfe.”
Unbeeindruckt fuhr sie fort: „Der macht so ein komisches Gesicht. Sieh doch!”
„Jetzt habe ich genug. Hast du nichts anderes zu tun als Nachbarn zu beobachten?”
„Interessiert dich nicht, wo sie ist?”
„Schon. Aber eigentlich ist es mir egal, und solange er sie nicht umbringt…”
Linda kniff die Augen zusammen. Falten gruben sich in ihre Stirn.
„Meinst du, er hat sie umgebracht? Warum? Wegen des Krachs, den wir gestern gehört haben?”
„Jetzt mach einen Punkt! Denkst du, unser Nachbar bringt seine Frau um?”
„ Ich traue ihm alles zu.” Sie knirschte mit den Zähnen.
„So ein Blödsinn. Nur weil ihr Streit wegen des Birnbaumes hattet, bist du sauer und willst ihm was anhängen. Muss doch nicht gleich ein Mord sein!”
„Wenn es aber stimmt, und wir haben nichts unternommen?”
„Schluss jetzt!” Wütend kniffte Stefan die Zeitung zusammen und verschwand im Haus.
Sie stierte unaufhörlich zum Nachbargrundstück.
Plötzlich verließ Herr Berger das Haus, nahm Kurs auf die beiden Liegestühle, die den ganzen Sommer an derselben Stelle standen und… klappte den seiner Frau zusammen.
„Jetzt hat er ihren Liegestuhl weggeräumt.” Beinahe hätte sie vor Aufregung ihre Kaffeetasse fallen lassen.
Stefan schielte durch die Terrassentür.
„Komisch. Wo beide unzertrennlich sind.” Er schüttelte den Kopf.
Herrn Berger schienen die neugierigen Nachbarn nicht zu interessieren. Er verschwand samt Liegestuhl im Schuppen und kam nicht wieder heraus.
Barfuß schlich Linda, von den Fliederbüschen gedeckt, dem Nachbarn nach. Sie lauschte wie eine Katze dem Geräusch einer knabbernden Maus. Im Schuppen rumorte es. Was kramte er da nur?
Plötzlich wurde die Tür aufgeschlagen. Linda erschrak und wäre fast über den Zaun in Nachbars Garten gefallen. Herr Berger war beschäftigt. Ihre Spionage blieb unbemerkt. Seine Sandalen klapperten auf den losen Gehwegplatten als er mit einem nagelneuen Spaten hinter seinem Haus verschwand und sich Lindas Blicken entzog.
Das Dachfenster! Von dort konnte ihr nichts entgehen.
Keuchend erreichte sie den Dachboden, befreite das Fenster von Spinnweben und öffnete es. Rost rieselte in ihren Ausschnitt. Egal! Vergeblich renkte sie sich den Hals aus. Nachbars Haus war zu hoch. Mit zitternden Knien und zerzausten Haaren krabbelte sie die steile Bodentreppe hinab.
„Stefan, ich konnte nichts erkennen.”
„Wo kommst du her?” Er musterte ihre verstaubten Füße.
„Vom Boden. Ich habe…”
„Du bist ja verrückt.” Er tippte mit dem Finger an die Stirn
„Ich bin nicht verrückt. Glaub mir doch. Der hat seine Frau…” Sie machte eine Handbewegung. „…umgemurkst.”
„Das glaube ich nicht. So etwas gibt’s nur im Film.”
„Was meinst du, macht der hinterm Haus mit einem Spaten? He?”
„Er gräbt sein Tulpenbeet um.”
„Denkst du!”
„Ja, denke ich.”
„Da wachsen keine Blumen. Die Schlehenbüsche werfen den ganzen Tag Schatten. Da wächst nichts, gar nichts, sage ich dir.”
„Sei still, du machst mich verrückt.”
„Ja aber, was macht er da?” wiederholte sie unbeirrt die entscheidende Frage.
„Vielleicht beerdigt er seinen Goldfisch.”
„Unsinn, glaub mir endlich! Schau, jetzt geht er wieder zum Schuppen.”
Stefan kratzte sich am Kopf. Sollte der Nachbar wirklich? Nachdenklich verließ er die Terrasse.
Die Gartentür quietschte. Linda traute ihren Augen nicht. Das konnte nicht wahr sein! Frau Berger erschien im ganzen Stück, begleitet von einer riesigen Reisetasche.
„Wo kommen Sie denn her, Frau Berger?” Linda bekam den Mund nicht zu.
„Wieso? Ist was passiert? ”Besorgt ließ Frau Berger die schwere Reisetasche auf den Gehweg plumpsen.
„Wo ist mein Mann?”
Linda wies mit der Hand auf den Schuppen. Ihr war die Luft weggeblieben.
„Ach, er repariert meinen Liegestuhl. Hat er also damit gerechnet, dass ich heute wieder auftauche.”
„Wieso?” Linda hatte sich gefasst.
„Wir haben uns gestern arg gestritten. Das müssen Sie doch gehört haben.”
„Nein, wir lauschen doch nicht”, log sie und wurde rot. Frau Berger legte den Kopf zur Seite und musterte ihre Nachbarin. Dann fuhr sie fort: „Jedenfalls habe ich darum meine Tasche gepackt und bin auf und davon, zu unserer Tochter. Ich wollte länger bleiben, aber nach 47 Ehejahren, geht das nicht so einfach. Verstehen Sie?”
Für einen Moment schloss Linda die Augen. Oh, wie gern hätte sie jetzt eine Tarnkappe. Sie senkte den Kopf.
„Ich verstehe”, flüsterte sie im Weggehen. „Ich verstehe.”
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Bloß nichts überstürzen! Folge 3-Schluss

