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Vertauschte Rollen – Eine Weihnachtsgeschichte (Folge 1)

08.12.08 (Kurzgeschichten)

Endlich geschafft! Jetzt hatte ich mir eine Pause verdient.
Ich plumpste auf den Küchenstuhl, streckte die Beine weit von mir und schlürfte meinen Kaffee.

Weihnachtliche Töne aus dem Küchenradio versetzten mich in Hochstimmung, und im Backofen schwitzten meine Plätzchen. Zufrieden konnte ich beobachteten wie sie langsam Farbe annahmen. Gut sahen sie aus. Am liebsten hätte ich mir auf die Schulter geklopft, denn ich muss zugeben, mit der Plätzchenbäckerei stehe ich auf Kriegsfuß.

Niemandem erlaube ich dieser Handlung beizuwohnen, geschweige zu helfen. Alle hatten zu verschwinden, wenn ich zur Tat schritt. Selbst welche Sorten ich probieren werde, verriet ich nicht, schließlich konnte man nicht wissen, was zum Schluss heraus kam.

Beim alljährlichen Plätzchen – Namen – Raten vor der Bescherung kam bisher keiner auf mehr als zwei Richtige. Glücklich war ich dabei nicht, und so verhandelte ich wieder und wieder mit meiner Familie über die Abschaffung dieser blöden Tradition, die stark an meinem Selbstbewusstsein kratzte. Aber ohne Erfolg. Ich wurde diesen Job nicht los, selbst auf die Gefahr hin, dass sich jemand eine Plombe ausbiss.

Diese aber – ich lächelte selig vor mich hin – sahen fast so aus wie in meinem Kochbuch. Ich war überzeugt, es werden Meisterwerke auch ohne das Päckchen Backpulver, das ich gerade auf dem Tisch entdeckt hatte.

Oh, wie das duftete! Am liebsten hätte ich genascht. Achtung, Finger weg! Tagelang war ich im vergangenen Jahr mit Brandblasen an Fingern und Zunge rumgerannt. Ich hatte vorlaut eine winzige Kostprobe vom Blech gelöst, und weil es wahnsinnig heiß war, sofort in den Mund geschoben, wo es zischende Geräusche verursachte. So eine Erfahrung reicht fürs ganze Leben.

Ich nahm einen kräftigen Schluck Kaffee und ließ meinen Blick durch die Küche schweifen. Wie von selbst hatte sie sich in ein Schlachtfeld verwandelt. Aber der Anblick konnte mich nicht ernsthaft erschrecken, schließlich kannte ich mich lange genug, um zu wissen, wie eine Küche nach meiner Art zu Backen aussah.

Alle Schränke standen offen und boten ihren Inhalt feil. Die Schubkästen waren bis zum Anschlag herausgezogen, und neben einem verschmierten Nudelholz warteten leere Eierschalen geduldig auf ihren letzten Gang in den Mülleimer. Mehl in all seinen Erscheinungsformen wohin man schaute. Sogar auf dem Radio, das mich seit Stunden mit Weihnachtsmusik verwöhnte, entdeckte ich eine hübsche Mehlhaube.

Wie Schnee, dachte ich, und entschloss mich schmunzelnd, dem Radio diese weihnachtliche Dekoration zu lassen. Glücklicherweise erinnerte ich mich an den Putzfimmel meiner Schwiegermutter, die am Heiligen Abend den Schnee auf meinem Radio glatt für Mehl halten würde, das ich vergessen hatte abzuwischen. Diese Schande wollte ich mir ersparen und griff zum Lappen.

Plötzlich klingelte es. Besuch? Den konnte ich nicht brauchen, und die restlichen Familienmitglieder waren langfristig untergebracht. Wer konnte das sein? Ich wischte meine bekleisterten Hände notdürftig an dem triefend nassen Handtuch ab, um wenigsten die Klinke nicht mit Teig zu beschmieren, und öffnete die Tür.

Da stand so etwas wie ein …Reisigbesen, aber einer für Riesen. Ich kann mich nicht erinnern jemals so ein Gebilde gesehen zu haben. Erschrocken knallte ich die Tür zu. Kurz darauf klingelte es wieder und eine Stimme rief: „Was soll das? Mach auf! Ich kann ihn nicht mehr halten.”

Kritisch legte ich das Ohr an die Tür. Das war Stefan, mein Mann. War der schon vom Weihnachtsbaumkauf zurück? Vorsichtig lugte ich durch den Spion, und tatsächlich hinter den Reisern wackelte seine Pudelmütze.

„Endlich”, rief er, als ich öffnete und drängelte das Monstrum in unseren winzigen Flur. Ich frage mich noch heute, wie er überhaupt die Tür schließen konnte.

„Schatz, sieh, ist das nicht ein toller Baum?” rief mir mein Stefan begeistert zu. Ich kämpfte mit den Zweigen in meinem Gesicht und trat widerstandslos den Rückzug in die Küche an.

„Ja umwerfend, wirklich”, keuchte ich hervor, während ich über einen Küchenstuhl stolperte, von dem meine Backschüssel scheppernd zu Boden rutschte.
„Ist dir was passiert?” kam es vom Flur.
„Nein, es war nur die Schüssel.”

Mein holder Ehegatte schob sich am Weihnachtsbaum vorbei und baute sich in voller Breite vor mir auf. Er strahlte übers ganze Gesicht, wie jedes Jahr, wenn er den Weihnachtsbaum nach Hause brachte, denn den Job wurde er nicht los.

„Der ist toll, was?” Er zeigte in den Flur. „Ein Prachtexemplar”, schwärmte er mit liebevollem Lächeln in den Augen und küsste meine bemehlte Wange. Ich konnte meiner Begeisterungsschreie gerade noch Herr werden.

Fortsetzung folgt