Ohne Worte (Folge 3)
04.05.08 (Kurzgeschichten)
… stürzte er den letzten Schluck Kaffee in sich hinein. Die beiden Falten über der Nasenwurzel hatten sich tiefer als gewöhnlich in seine Stirn gegraben und gaben ihm das Aussehen eines knurrigen, alten Schuldirektors.
Ein winziges Nest, ja es war ein winziges Nest, mit einer holprigen Dorfstraße, die in einem staubigen Feldweg mündete. Da war die Welt zu Ende. Er hatte sein Auto vor der Dorfkneipe abgestellt, und um nicht aufzufallen, genehmigte er sich ein Bier. Den Wirt hatte er nebenbei nach einem Radwanderweg gefragt. Nachdem er sein Bier geleert hatte, packte er sein Fahrrad aus und bestückte es mit der Tasche, die seine lebenden Kostbarkeiten enthielt.
„Picknick, was?” lachte der Wirt, der überraschend in der Tür erschienen war, und zeigte auf die Tasche. Erschrocken war Jonathan zusammen gefahren und hatte dem Wirt ein schnelles „Ja, ja” hingeworfen.
„Schönes Wetter haben Sie sich ausgesucht”, bemerkte der Wirt und zeigte zum Himmel. „Gestern, der Regen…”
„Ja, gestern war es schlecht”, unterbrach ihn Jonathan ohne sich bei der Überprüfung seines Gepäcks stören zu lassen.
Der Wanderweg war ausgeschildert, und da er sehr zerfahren war, schob er das Rad ein gutes Stück. Seine Lieblinge durften nicht zu Schaden kommen.
Nur soweit man ihn vom Wirtshaus hätte beobachten können, blieb er auf der empfohlenen Route. Dann bog er ab.
Das Fahrrad hopste über Stock und Stein. Ihm wurde fast schwindelig, wenn er daran dachte, wie seine Spinnen litten. Aber es musste sein.
Eine Lichtung inmitten der riesigen Kiefern schien ihm geeignet, seine Lieblinge für die strapaziöse Fahrt zu entschädigen und sie freizulassen. Anfangs waren sie scheu, bewegten sich kaum. Aber der Sonne konnten sie nicht widerstehen. Sie waren begeistert, und ruckzuck verschwanden sie. Jonathan hatte vor Freude in die Hände geklatscht, wie ein Kind, dem ein lang gehegter Wunsch erfüllt wurde.
Den Rückweg hatte er schnell bewältigt. Er war die kostbare Last los.
Als er sein Fahrrad einpackte, kam der Wirt und fragte, ob er eine nette Spazierfahrt hatte. Alles lief reibungslos. Und jetzt dieser Zeitungsartikel!
Es war keine Zeit zu verlieren. Jonathan riss die Schranktür auf, kramte den Kescher aus der Ecke, schnappte ein paar Transportkisten und stopfte sie in die Reisetasche.
Er hastete die Treppe hinunter, denn der Fahrstuhl trödelte wie immer vor sich hin. Duft von frisch gebrühtem Kaffe zog durchs Treppenhaus, und in seiner Tasche klapperten die leeren Transportbehälter.
„Guten Morgen Herr Bille. Sie rennen ja so! Sie haben doch nicht etwa verschlafen?” wunderte sich Charlotte Weber, die mit ihrem leeren Mülleimer durch den Eingang schepperte.
„Morgen, Morgen, Frau Weber. Nein, habe ich nicht”, warf er ihr entgegen und riss die Eingangstür auf. Kopfschüttelnd schaute Charlotte Weber auf ihre Uhr. Genau um diese Zeit hörte sie seit Jahren ihren Mitbewohner in seiner Küche rumoren, und das wusste sie genau, denn sie wohnte unter ihm. Warum änderte er plötzlich seine Gewohnheiten?
Die Tür schnaufte hinter Jonathan ins Schloss. Er kniff für einen Moment die Augen zusammen. Es nieselte, aber für solche Lappalien hatte er keine Zeit. Wie ein junger Springer hopste er in seinen Opel und brauste davon.
Er konnte sich beim besten Willen nicht an den Namen des Dorfes erinnern, aber er wusste genau: Autobahnabfahrt ‘Ferch’ und dann links. In Gedanken bei seinen gejagten Freunden, fuhr er wie ein Automat. Endlich ‘Ferch’. Er fuhr die Ausfahrt herunter und bog ab.
Richtig, von weitem erkannte er die Dorfstraße. Aber dieses Mal brauste er an der Kneipe vorbei. Der gleiche Fremde in kurzer Zeit, wäre in dieser gottverlassenen Gegend garantiert aufgefallen, und womöglich mit der entdeckten Spinne in Zusammenhang gebracht worden.
Als er den Feldweg entlang fuhr, sah er am Waldrand eine ganze Blechlawine parken. Verflixt! Er hätte es wissen müssen! So eine Schlagzeile! Woher wussten die alle den Ort?… Fortsetzung morgen
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