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Katzen (Folge 1)

03.12.09 (Kurzgeschichten)

Karin hatte das Fenster geöffnet und starrte in den dunklen Garten. Der Wind raschelte in den Blättern des Haselnussstrauches und trug mit der schwülen Luft den Duft des nahen Rapsfeldes ins Wohnzimmer.
Für einen Moment schloss sie die Augen und genoss den sanften Hauch auf ihrem Gesicht.
Ihre Gedanken weilten bei ihrem Vater. Nie hatte er den Unfalltod ihrer Mutter verwinden können. Er starb am gebrochenen Herzen. Genau heute vor sieben Jahren.

Plötzlich durchwühlte eine Sturmböe den Apfelbaum, der Mühe hatte, seine noch unreifen Früchte zu halten. Minuten später durchschnitt ein gewaltiger Blitz den Abendhimmel. Unmittelbar danach krachte es. Regen prasselte nieder, und auf dem Fensterbrett entstanden kleine Pfützen.

„He, Mutsch, was ist? Hast du Angst?” Stefan stand plötzlich hinter ihr und berührte ihre Hand.
„Ja, ein bisschen.” Sie wischte verstohlen über ihre feuchten Augen.
„Warum weinst du?”
„Weißt du heute vor sieben Jahren…”
„Ach, ich weiß: Großvater”, unterbrach Stefan seine Mutter.
„Du erinnerst dich?”
„Natürlich.” Er senkte den Kopf. „Schließlich war ich schon acht.”
Sie schwiegen, lauschten dem Regen und dem Wind. Es duftete nach feuchter, warmer Erde. Jeder hing seinen Gedanken nach. Irgendwo in der Ferne jammerte eine Katze.

„Sag mal, Mutsch, erinnerst du dich an Franz?” Karin fuhr zusammen.
„Sei still, wir waren uns einig, nie wieder über Franz zu reden.”
Karin hasste Katzen und besonders Franz. Franz bestand vor allem aus seinen Augen, die sie oft durchdringend, ja direkt böse anstarrten, als ahnte er, was sie von Katzen hielt. Dabei war sie nie hässlich mit ihm umgegangen. Ihr Hass spielte sich im Inneren ab.

Stefan hatte seinen schwarzen Kater vergöttert. Eines Tages war er einfach da, und hatte nicht die Absicht wieder zu verschwinden. Stefans Vater hatte trotz Protest der restlichen Familie erlaubt, die Katze aufzunehmen. Als Franz am Todestag ihres Vaters auf geheimnisvolle Weise verschwand, war sie überglücklich.

„Wir waren uns nicht einig.” Stefan schüttelte den Kopf. „Du hast es befohlen”, unterbrach er die Erinnerungen seiner Mutter.
„Ja, ich weiß.” Sie nickte. Ihr blonder Zopf wippte auf und ab. „Ich hatte nichts für ihn übrig, aber das beruhte auf Gegenseitigkeit.”
„Hast du immer behauptet, weil du ihn nicht richtig kanntest, und du hast dir nie die Mühe gemacht, ihn zu verstehen.”
„Mag sein. Großvater sagte immer, Katzen sind Kinder der Hölle. Und das stimmt. Denk bloß an die Märchen! Jede Hexe hat einen schwarzen Kater.”
„Entschuldige, das ist nicht dein Ernst.” Stefan lachte.
„Doch und Franz gehörte dazu. Seit er bei uns einzog, war nichts mehr so wie vorher. Ist dir das nie aufgefallen?”
„Nein. Und selbst wenn, Franz konnte nichts dafür.” Natürlich waren ihm die merkwürdigen Ereignisse in ihrem Haus aufgefallen. Aber zugeben – niemals!
„Denkst du, er hat Vati in die Arme seiner Geliebten getrieben?” platzte er heraus. Karin biß schmerzhaft die Zähne aufeinander. Ihre Wangenmuskeln arbeiteten. Die Frage saß, wie beabsichtigt. Aber wer gegen Franz zu Felde zog, verdiente es nicht anders.
„Nein”, antwortete sie schroff.
„Siehst du!”
„Nichts sehe ich. Ich dachte eher an Bubi.”
„Ach, dieser blöde Vogel. Der hätte sowieso nicht sprechen gelernt.” Stefan tippte mit dem Zeigefinger an die Stirn.
„Aber deswegen hat er nicht verdient, in den Bauch von Franz zu wandern.”
„Nein, sicher nicht. Aber Franz…”
„Der Kater hatte Federn in den Krallen, vergiss das nicht.”
Karin ließ sich in den Sessel fallen und stütze den Kopf in die Hände. Nach geraumer Weile sagte sie unvermittelt, mehr zu sich selbst: „Ich denke, Haro würde auch noch leben.”
„Du meinst, dein Schäferhund…”
„Ja, der war doch nicht blöd”, stieß sie hervor.
„Na, blöd nicht, aber verkalkt.” Stefan plumpste auf die Couch.
„Und trotzdem, er wäre nie über die Straße gerannt, wenn er einen Bus gehört hätte.”
„Vielleicht hat er ihn nicht gehört. Er war alt.”
„Ist doch Quatsch. Du weißt genau, dass Franz ihn auf die Straße gejagt hat, als der Bus kam. Gib es zu!”
„Das werde ich nicht, weil es nicht stimmt. Franz war bei mir.” Stefan bekam rote Ohren.
„Stefan, du schwindelst. Franz war hinter Haro her. Großmutter hat es gesehen.”
Stefan lachte auf. „Und kurz danach hat Franz an der Mikrowelle gebastelt, um ihren Herzschrittmacher zu sabotieren, weil sie seine ‘Tat’ beobachtet hatte. Das ich nicht lache.” Karin hob den Kopf und blickte ihren Sohn ernst an.
„Daran habe ich überhaupt nicht gedacht.”
„Das ist Zufall, purer Zufall!” Seine Stimme klang hart, und Karin fühlte sich unangenehm berührt.

Fortsetzung folgt