Ohne Worte (Folge 2)
03.05.08 (Kurzgeschichten)
Kaffee tropfte auf seine graue Flanellhose. In seinem Gehirn klickerte es. Vorgestern hatte er zehn Vogelspinnen die Freiheit geschenkt.
Blass, mit zuckenden Mundwinkeln, griff er nach der Zeitung. ‘Pilzsammler entdeckt Riesenspinne auf Baumstumpf. Umfangreiche Suche bisher erfolglos.’, las er weiter.
Bille ließ die Zeitung sinken und starrte aus dem Fenster. Sollten seine Lieblinge einer Treibjagd zum Opfer fallen? Nein, er musste etwas unternehmen!
Seine Gedanken überschlugen sich. Er strich sich mit einer energischen Handbewegung über die Stirn. So ging es nicht! Immer eins nach dem anderen. Zunächst musste er sich in seiner Firma melden.
Er nahm den Telefonhörer in die Hand und wählte die Nummer seines Betriebes. Wie nicht anders zu erwarten, vernahm er nach zweimaligem Klingeln die Stimme von Margret Melcher. Er musste grinsen. Beinahe wäre sie seine Frau geworden, aber sie hatte beim zwanzigsten Rendezvous – er hatte genau Buch geführt – den Fünf – Uhr – Bus verpasst. Und eine Frau, die unpünktlich war, kam für ihn nicht in Frage. Wie sich Monate später herausstellte, war er einem Martyrium gerade noch entkommen. Sie war eine fanatische Teetrinkerin, und er hasste Tee. Komisch, diese Leidenschaft war ihm damals nicht aufgefallen. Sicher hatte sie dieses Hobby erst entdeckt – vor lauter Gram über seine brüske Ablehnung. Anders war ihre Entscheidung, sich freiwillig so einem Zeug zu widmen, nicht zu erklären. Jetzt war es ihm egal. Was ihn allerdings ärgerte, sie belästigte sogar ihre eigenen Kollegen mit den selbstgebrauten Mixturen.
„Kunststoffverarbeitung Lesch, Frau Melcher am Apparat. Was kann ich für Sie tun?” Das Grinsen noch immer im Gesicht, prasselten die Worte auf Jonathans Trommelfell.
„Guten Morgen Margret. Ich…”
„Jonathan, ist was passiert? Warum rufst du an?”
„Es ist nichts passiert”, log er, „oder doch, ich bin krank. Ich nehme einen Tag Urlaub. Bring’s bitte dem Chef schonend bei.” Sicherheitshalber hustete er ins Telefon. Margret hielt vorsorglich die Rechnungen fest, die auf ihrem Schreibtisch verteilt lagen. Sie hatte befürchten müssen, sie segelten zu Boden wie Laubblätter im Herbst.
„Krank? Jonathan, du warst noch nie krank!”
„Jetzt bin ich es eben”, entgegnete er kurz. Er durfte in dieses belanglose, zu nichts führende Gespräch keine Zeit mehr investieren.
„Jonathan, ich bring dir meine Spezialmischung, die bringt dich wieder auf die Beine.”
„Margret, nein! Nein, zum letzten Mal! Keinen Tee aus deiner Kräuterküche!” Er warf den Telefonhörer auf die Gabel und holte tief Luft.
Die Knie waren weich, und er spürte einen unangenehmen Druck im Magen. Er war geneigt, sich tatsächlich krank zu fühlen. Lügen, darin hatte er keine Übung. Ob er Margret überzeugt hatte? Egal.
In Gedanken sah er eine Horde Menschen, schwer bewaffnet mit riesigen Keschern, durch den Wald streifen, um seine Lieblinge zu fangen.
Wie hieß nur der Ort, an dem er sie ausgesetzt hatte? Er fuhr stets ohne Plan in irgendeine Richtung und machte entgegen seiner sonstigen Gewohnheit nie Notizen über die neue Heimat seiner Lieblinge, um nicht in Versuchung zu geraten, sie wieder einzufangen. Das einzige, was er in solchen Fällen penibel einplante, war die Wetterlage. Es musste ein sonnensicherer Tag sein.
Während er angestrengt nachdachte,… Fortsetzung morgen
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Begegnung Folge 2-Schluss

