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Bloß nichts überstürzen! Folge 3-Schluss

02.07.08 (Kurzgeschichten)

Was vorher geschah

„Ich? Wieso? Ich habe nicht gegrinst.”
„Doch! Dein Mund hat gezuckt.”

Edmund schlug Löcher in die Luft. „Ich glaube, mich hat eine Mücke gestochen.” „Du bist ja nicht bei Trost. Mücken im November.” Sie tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. „Willst du mich für dumm verkaufen?” Ohne Umschweife fuhr sie fort: „Weißt du, die Kette, die lässt mir keine Ruhe.”
Schon wieder die Kette! Gerade hatte er gehofft, diese Klippe umschifft zu haben.

„Ich habe die Kette heute Mittag beim Bäcker gesehen.” Elisabeth baute sich in ganzer Breite vor ihm auf. Edmund stand versteinert in der Tür. Der Boden gab unter ihm nach, und er wünschte, darin zu versinken. Die Farbe war aus seinen Lippen gewichen, und seine Hände verstaute er zitternd in der Hosentasche. Ein taperiger Greis lehnte hilflos am Türrahmen.

„Ich sehe, du weißt, wovon ich rede. Du hast der Hure dieses wundervolle Stück um den dreckigen Hals gehangen.” Edmund betete um eine Tarnkappe. Der Wunsch blieb ungehört. Seine Gedanken trudelten im Kopf herum, wie die Erbsen unter den Füßen der Heinzelmännchen.

Er war entdeckt, das Ausmaß der Katastrophe nicht einzuschätzen. Was nun?

„Hast du nichts zu sagen?”
„Nein.” Seine Stimme war rau. Er räusperte sich. „Nein”, wiederholte er tonlos.
„Dass du mich mit ihr betrügst, ist mir egal. Aber dass du dem Weib dieses teure Stück umgehangen hast, verzeihe ich dir nie.” Als ob es wichtig wäre, dass sie ihm verzieh.
„Wo ist überhaupt das Geld her, du Betrüger. Wo ist es her?” brüllte sie mit hochrotem Kopf.

Edmund straffte sich.
„Und wenn du platzt, ich werde es dir nicht verraten.”
„So? Ist auch egal. Ich habe bereits alles geregelt.”
„Geregelt? Was hast du geregelt?” Unheilahnend schurrte Edmund mit den Füßen. Elisabeth nahm ihren Bademantel vom Haken und warf ihn sich über. Seine Frage hatte sie einfach überhört.

„Ich habe noch eine Überraschung für dich, mein Lieber.” Aus der Schublade des Badschrankes förderte sie ein goldglänzendes Etwas hervor. Die Kette!

„Hast du etwa gedacht, dass ich der Tussi den Schmuck überlasse? Ich habe ihr dieses Prachtstück vom Hals gerissen. Und deine dreckige Geliebte ist heulend davon gerast.” Mit wehendem Bademantel stolzierte Elisabeth an dem geschlagenen Edmund vorbei ins Schlafzimmer.

In Edmund brodelte es. Jetzt war das Maß voll. Theresa durfte nie wieder unter seiner tyrannischen Frau leiden!

Die halbe Nacht lag er grübelnd auf der Couch im Wohnzimmer. Sie musste verschwinden, egal wie. Erschießen, erwürgen, erstechen, erschlagen, vergiften. Vergiften? Das war die Idee! Er war so erregt, dass er sich keine Zeit ließ, über Konsequenzen nachzudenken,

Vorsichtig erhob er sich von seiner Schlafstatt und schlich in den Keller. Hinter den Büchsen mit der Farbe vom letzten Sommer, stand ein Glas, in dem sich unscheinbares, trockenes Zeug befand: Blauer Eisenhut. Vor vielen Jahren hatte er es aus den Bergen mitgebracht, um sich einer Mäuseplage zu erwehren. Leider ohne Erfolg. Die Mäuse mochten es nicht. Der musste in ihren morgendlichen Tee! Garantiert gut bekömmlich! Er grinste.

Als Edmund am nächsten Morgen das Schlafzimmer betrat, um seiner Frau den Tee zu bringen, empfing ihn ein grausiger Anblick. Beinahe wäre ihm die Tasse entglitten. Elisabeth lag quer im Bett, das Laken verknüllt unter ihr, und die Decke war herunter gerutscht. Er begriff sofort: sie war tot. Sein Wunsch hatte sich erfüllt. Für einen Moment schloss er die Augen. Das konnte nicht wahr sein! Er träumte nur. Kein Wunder, sein Hass war zu groß.
Er schüttelte den Kopf. Nein, das war kein Traum.

Er stellte den Tee auf den Nachtschrank und tastete nach ihrer Hand. Der Puls bestätigte ihm, was er bereits wusste. Tot, richtig tot. Nicht zu glauben! Er hatte nichts getan, und trotzdem war sie tot!

Wie lange er vor dem Bett stand, konnte er später nicht sagen.

Edmund rief Doktor Berger an, seinen Hausarzt. Eine halbe Stunde später stellte auch er den Tod fest.
Doktor Berger lehnte sinnend am Ofen. Er befühlte die Kacheln und fragte: „Wurde der gestern geheizt?”
„Ja, meine Frau hat die letzten Nächte gefroren.”
„In diesem Winter zum ersten Mal?”
„Ja, warum fragen Sie?”
„Ich vermute, der Ofen…”
„Was ist mit dem Ofen?” Doktor Berger atmete geräuschvoll aus.
„Ihre Frau ist an einer Kohlenmonoxydvergiftung gestorben.”
„Was? Und das wissen Sie genau?”
„Natürlich, die Symptome sind eindeutig. Sehen Sie hier, diese hellroten Flecken auf der Haut. Ein sicheres Zeichen für eine Kohlenmomoxidvergiftung. Es gibt keinen Zweifel. Und der Ofen, ist abrissreif. Das passt zusammen.”
Edmund wusste nicht, ob er weinen oder lachen sollte.
„Eine Frage noch Herr Keitzer.”
„Bitte.”
„Wo waren Sie diese Nacht.”
„Wieso fragen Sie?” Edmund fasste sich an den Kopf und stieß hervor: „Oh Gott, es hätte mich auch getroffen!”
„Mit Sicherheit”, antwortete der Arzt. „Also, wo waren Sie?”
„Ich habe”, Edmund holte tief Luft, „ich habe auf der Couch im Wohnzimmer geschlafen.”

Der Arzt runzelte die Stirn. „Edmund nimm dich zusammen, niemand darf erfahren, was gestern Abend vorgefallen ist. Womöglich fällt ein Verdacht auf dich”, dachte er und fuhr fort: „Ich habe öfter im Wohnzimmer genächtigt. Ich schnarche.”
„Verstehe, die Frauen, beschweren sich immer über schnarchende Männer. Das kenne ich. Aber bei uns ist es meine Frau, die ins Wohnzimmer zieht.” Doktor Berger klappte seinen Koffer zu. „Herr Keitzer, ich werde die Polizei benachrichtigen. Ihre Frau ist keines natürlichen Todes gestorben.”

Edmund trat von einen Fuß auf den anderen.

„Keine Angst, Herr Keitzer, an der Todesursache gibt es nichts zu deuten. Trotzdem muss alles korrekt sein.”
Edmund nickte. „Verstehe.” In diesem Moment entdeckte Edmund die Tasse mit dem tödlichen Kräutertee auf dem Nachtschrank. Die stand ja noch immer da! Wie konnte er sie vergessen? Weg damit, sie muss weg!

Während Doktor Berger im Wohnzimmer telefonierte, schmuggelte Edmund die Tasse in die Küche und vernichtete das tödliche Gebräu.

Mittag – endlich war er allein. Er ließ sich in den Schaukelstuhl fallen. Friedlich kringelte sich der Rauch seiner Zigarre.

Zum Abend hatte er sich mit Manfred verabredet.
Welch glücklicher Zufall, dass dieser November so bitterlich kalt war.

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