Wie man sich täuschen kann! (Folge 2)
01.06.08 (Kurzgeschichten)
Marie hatte Isabell Wittler selbst bei dieser Beleuchtung sofort erkannt. Heinz Wittler hatte sie vor einigen Wochen beauftragt, Fotos von seiner Frau und ihrem Liebhaber Stefan zu schießen. Sie hatte viel Zeit darauf verwenden müssen, um die beiden zu ertappen. Im Parkhaus an der Ecke wurde sie endlich fündig. Prima Fotos, wie sich nach dem Entwickeln herausstellte. Als ihr Auftraggeber die Bilder begutachtete, lachte er. Er hatte so sehr gelacht, dass Marie um seinen Verstand fürchtete.
Isabell blickte sich nach allen Seiten um.
„Wo ist Alfons Brandt. Ich muss ihn dringend sprechen.”
„Der liegt auf den städtischen Friedhof und wird nicht mehr mit Ihnen reden.”
„Was?” Isabell riss die Augen auf.
„Ein Autounfall.” Marie senkte den Kopf. Umständlich schob sie die Hand in die Hosentasche. Ja, das Taschentuch war griffbereit.
„Und Sie, wer sind Sie?” Isabell zeigte mit dem Finger auf Marie.
„Marie Brandt.”
„Die Frau von Detektiv Alfons Brandt?”
„Nein, seine Tochter. Kann ich Ihnen helfen?”
„Wenn Sie so gut sind wie Ihr Vater, sicher.” Sie musterte Marie von oben bis unten, schüttelte den Kopf und grinste. „Aber, das glaube ich nicht.”
Verflixt, immer die gleiche Leier. Marie ballte die Hand in ihrer Hosentasche zur Faust. Am liebsten hätte sie die neue Klientin unsanft aus dem Büro befördert. Aber das konnte sie sich nicht leisten. Sie brauchte jeden Job, den sie kriegen konnte.
Marie legte den Kopf zur Seite.
„Was stört Sie?” Eigentlich war die Frage umsonst. Sie kannte die Antwort. Warum nur konnte sie nicht groß, schlank und sportlich sein?
„Nichts.” Isabell zuckte mit den Schultern. „Aber eine Frau kann ich für diesen Job nicht brauchen.” Isabell drehte sich zur Tür. Prometheus schien den Ernst der Lage erfasst zu haben. Er baute sich in voller Größe vor der Tür auf und verhinderte so den schnellen Abgang der eleganten Dame aus der Detektei.
„Nehmen Sie den Hund weg”, befahl Isabell.
„Prometheus, lass die Dame gehen.” Gehorsam tapste der Hund zur Seite. Isabell griff nach der Klinke. Ein letztes Mal versuchte Marie ihren Auftrag zu retten.
„Und Sie wollen mir nicht verraten, welche Arbeit Sie hätten, wenn ich ein Mann wäre?”
Isabell hielt inne und betrachtete für einen Moment den schäbigen Teppich unter ihren Füßen. Sie schien nachzudenken. Ruckartig drehte sie sich um. „Sind Sie sicher, dass Sie gut sind?” Ohne eine Antwort abzuwarten schüttelte sie den Kopf und fuhr fort: „Ist alles Quatsch. Ich habe keine Wahl. Schließlich haben sie das Schild “Detektei” an der Tür. Also, kommen Sie.”
Plötzlich hatte es Isabell sehr eilig. Sie zerrte Marie am Arm, griff nach dem einzigen Mantel an der altersschwachen Garderobe und warf ihn Marie über.
„Moment bitte, vielleicht erzählen Sie mir, was Sie mit mir vorhaben.” Marie sortierte umständlich ihren Mantel. Sie könnte einen neuen brauchen, schoss es ihr durch den Kopf.
„Kommen Sie, ich habe genug Zeit verloren. Haben Sie eine Pistole?” Nur jetzt keinen Fehler machen! „Selbstverständlich.” Marie zog die oberste Schreibtischschublade auf und wühlte in einem Haufen bekritzelter Papiere.
Ungeduldig trat Isabell von einem Bein aufs andere.
„Haben Sie nun endlich Ihre Pistole?”
Strahlend wie ein Kind bei der Einschulung zog sie eine ungeheuer große, alte Pistole hervor.
Isabell wackelte kritisch mit dem Kopf. Schließlich fragte sie: „Und die schießt?”
„Ha, und wie. Die würde Elefanten umhauen. Aber…” Liebevoll streichelte sie das Erbstück ihres Vaters.
„Was aber?”
Marie zögerte. Ohne Isabell anzusehen, sagte sie: „Ich habe lange nicht mit ihr geschossen.”
„Unglaublich, wie lösen Sie Ihre Fälle?”
Marie hob die Augen und tippte sich an die Stirn.
„Ach, mit dem Kopf.” Isabell nickte und drehte sich zur Tür.
„Vielleicht sollte ich in diesem Fall doch lieber…”
„Nein, nein”, wehrte Marie ab. Sie dachte an das Geld, das im Begriff war, ihr durch die Finger zu rutschen.
„Sie haben mir noch immer nicht verraten, was ich tun soll.”
„Nein? Habe ich nicht?” Isabell rollte mit den Augen. „Sie müssen einen Streit schlichten, einen Mord verhindern oder was weiß ich. So kommen Sie endlich. Ich erkläre Ihnen unterwegs, was geschehen ist.” Fortsetzung folgt
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