Versprochen ist versprochen
01.05.08 (Kurzgeschichten)
Nach einer wahren Begebenheit
Froh über das Ende seiner Reise, stieg Lothar Bartel aus dem Linienbus. Neugierig schaute er sich um. Ein rostiger Papierkorb neben einer Bank, die schon bessere Zeiten gesehen hatte, begrüßte ihn. Die Dorfstraße mit ihrem holprigen Katzenköpfen schlängelte sich durch eine Allee alter Linden. Erbarmungslos brannte die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Es war viel zu heiß für diese Jahreszeit.
Der Ort schien menschenleer. Die Zeit war stehen geblieben. Eine schwarze Katze döste auf der Feldsteinmauer vor der Kirche. Die Häuser duckten sich unter der Hitze. Wäre da nicht das junge, hoffnungsvolle Grün der Linden gewesen. . .
Kraftvoll schritt er an geduckten Häusern vorbei. Jeden Bewohner wollte er kennenlernen, jeden.
Ohne Umwege fand er seine Unterkunft. Die paar Habseligkeiten, die er sein eigen nannte, waren rasch verstaut.
Die Sonne stand tief am Himmel, als er sich auf den Weg in die einzige Gaststätte des Dorfes machte. Hier wollte er erste Kontakte knüpfen. Er beabsichtigte, seine Aufgabe schwungvoll anzupacken.
Die Spatzen hatten es von den Dächern gepfiffen, dass der neue Pfarrer am Nachmittag angekommen war. Der Wirt hieß Lothar willkommen und stellte ihm einen Stuhl an den riesigen Stammtisch, der überfüllt war. Zwölf Augenpaare starrten den Pfarrer an.
„Guten Abend. Ich hoffe, ich störe nicht.”
„Nein, Pastor. Setzen Sie sich.” Der glatzköpfige Mann machte eine einladende Geste. „Na, wie gehen die Geschäfte? Alle Schäfchen schon begutachtet?” „Nein, bei dieser Hitze. . .”
„Ja, diese Hitze! Komm Pastor, ich gebe einen aus. Du trinkst doch einen mit, oder?” Ein junger Bursche mit langen Haaren fiel Lothar ins Wort.
„Was Holger, du haust einen rein? Das grenzt ja an ein Wunder!” Der Glatzkopf kratzte sich am Hals, daß seine Segelohren wackelten. Die Männer johlten.
„Quatsch Viktor, meinst du ein Pfaffe hat keinen Durst? Der ist auch bloß ein Mensch. Meine Alte war großzügig, hat mir ein paar Mark vom Einkauf übergelassen, und die haue ich jetzt auf den Kopf. He, Eddi, laß mal die Luft aus den Gläsern.”
Am nächsten Morgen spazierte Lothar einen Wiesenweg entlang. Der Abend hatte ihn geschafft. Viktor schwitzte bereits bei der Arbeit auf der Koppel.
„Hallo Pastor! Wie geht’s?”
„Tag Viktor. Nicht so gut. Bin völlig erledigt.”
„War doch prima, oder? Ich muß weiter. Bis morgen dann.”
Wieso morgen? Grübelnd schlenderte Lothar dem nahen Kiefernwald entgegen. Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Der Männerchor. Er hatte zugesagt, zur Probe zu kommen. War er denn bei Trost? Wie konnte er nur! Nachdenklich rollte er einen Grashalm zwischen seinen Fingern. Aber, versprochen ist versprochen.
Der Chor traf sich um acht in der Kneipe. Lothar brachte seine Gitarre mit, und nach der Probe klimperte er zum Vergnügen aller darauf.
Unerwartet polterte Holger dazwischen: „Mensch, Jungs! Ich habe eine tolle Idee. Bei unserer Herrentagspartie haben wir Begleitung auf der Gitarre. Wie findet ihr das? Toll nicht!”
Holger blickte in überraschte Gesichter.
„Meinst du, der Pastor singt mit uns auf dem Kremser? Glaube ich nicht. Oder?” Viktor schielte zu Lothar.
„Männer, das geht zu weit! Ich bin für jeden Spaß zu haben, aber das geht zu weit.”
„Sei kein Spielverderber. Gib dir einen Stoß.” Holger sah unwiderstehlich aus.
Verlegen drehte Lothar an seinem Hemdenknopf wie ein Lausbub, der bei einem Streich ertappt wurde.
Plötzlich grinste er: „Ich mache es, unter einer Bedingung. Wenn ich mit euch singe, kommt ihr in meinen Himmelfahrtsgottesdienst.”
Wie vom Donner gerührt schwiegen die Männer.
„Was, wir sollen in deine Kirche gehen? Ich habe seit meiner Hochzeit keine Kirche mehr von innen gesehen, und dann soll ich… Ne, ne, kommt nicht in Frage!” Viktor hatte vor Aufregung rote Ohren. Er winkte ab. Lautes Stimmengewirr erfüllte den verqualmten Gastraum.
„Was sagen die anderen?” Lothar spürte die Ablehnung.
„Also ist der Fall erledigt”, schlußfolgerte er aus ihren Mienen.
„Mann Pastor, du bist ja ein richtiger Erpresser.” Holger sprach aus, was alle dachten.
„Mein Angebot steht. Wenn ihr in den Gottesdienst kommt, werde ich spielen.”
Jetzt wurde hitzig diskutiert. Am Ende waren sie sich einig; der Pastor spielt auf dem Kremser, und sie gehen zum Gottesdienst.
Gesagt – getan. Lothar Bartel unternahm am Himmelfahrtstag eine fröhliche Landpartie und erwartete am Nachmittag die Männerwelt des Dorfes in der Kirche.
Und sie kamen, alle. Ein leiser Hauch von Alkohol breitete sich aus. Egal. Hier zählte Anwesenheit.
Zufrieden schaute Lothar Bartel in die Runde. Sein Blick blieb bei Viktor hängen. Schulterzuckend flüsterte dieser: „Na ja, versprochen ist versprochen.”

